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Medium Online (3/3) – Verleger ohne Verlag

Verleger ohne Verlag

Allen Onlinemedienformaten ist zu eigen, dass sie eigentlich keinen Verlag im herkömmlichen Sinn brauchen. Satz und Druck entfallen. Der Publikationsprozess kann über einen beliebigen Internetserver realisiert werden. Auf diese Weise kann jeder über Nacht sein eigener Verleger werden, ohne auf traditionelle Strukturen angewiesen zu sein. Dies ist elementarer Teil der so genannten Internetrevolution. Faktisch kann online also jeder – ob Einzelperson, Freundeskreis, Printverlag, Internetfirma, Dienstleistungsunternehmen, Behörde, Organisation, Kaninchenzüchterverein – eine eigene Onlinepublikation verlegen bzw. veröffentlichen (rechtliche Rahmenbedingungen siehe onlinejournalistische Berufsethik). Dementsprechend gemischt ist auch die Branche, und dementsprechend vielfältig sind auch die Typen von Kollegen, denen man begegnet – wobei man aber offen gesprochen schon sagen muss, dass die Gilde der Journalisten & Redakteure auch über Online hinaus schon immer ein bunter Haufen von Archetypen war.

Wirtschaftlichkeit & Perspektiven

Ich warne davor, davon auszugehen, dass im Bereich Onlineredaktion tausende offener Stellen entstehen werden, auch wenn diese Erwartung in der Vergangenheit immer wieder einmal geweckt wurden. Dem wird zumindest in absehbarer Zeit definitiv nicht so sein. Und Jobs lassen sich auch nicht herbei reden. Positionen – besonders die wirklich interessanten – sind rar und begehrt. Gleichzeitig ist das Medium Online aber im Vergleich zum Print offener für Quereinsteiger, die ihr Wissen aus einer vorangegangenen Fachausbildung inhaltlich mit einbringen.


 Der Beruf des Onlineredakteurs ist eine interessante Option für Quereinsteiger mit Fachausbildung.


 

Marktprognosen der letzten Jahre für Onlinemedien gehen von „durchwachsen“ bis „riesiges Potenzial“. Daraus kann man keine pauschalen Schlüsse ziehen. Meiner Erfahrung nach werden im öffentlichen Bereich vor allem Publikationen mit eng gefasstem Themenkreis Nischen besetzen und erfolgreich sein. Im Marktsegment der Allgemeininformationen tummeln sich heute bereits zu viele Fische im Teich. Die Leser sind erschlagen von der Fülle. Eine weitere Publikation würde sich nicht genug hervorheben und könnte kaum die Aufmerksamkeit erreichen, die sie bräuchte. Doch Spezialmagazine finden ihre Leser, vielleicht deutlich weniger als bei den Massenpublikationen, doch dafür mit höherer Affinität und engerer Bindung. Und firmeninterne Publikationen sind ohnehin zwangsläufig fach- und branchenspezifisch.

Ich sehe den Erfolg der Spezialisierung aber nicht nur markttechnisch begründet, sondern der klare inhaltliche Rahmen hilft auch der Redaktion, kontinuierlich klar auf der Linie zu bleiben. So wird unnötige Mehrarbeit vermieden und das Team bleibt konzentriert bei der Sache. Es ist auch oft leichter, Werbekunden für Spezialthemen zu finden, bei denen diese sich kontext- und zielgruppennah platziert sehen. Ein Unternehmen, welches Surfboards vertreibt, wird doch eher bei einer kleinen Onlinepublikation über Wassersport Kunden erwarten und Anzeigen schalten, als bei Spiegel Online.


Erfolgreiche Onlinepublikationen nutzen Synergien und vermeiden Redundanzen. Sie nutzen die Medienkonsistenz konsequent für eine wirtschaftliche Produktion und Verwertung ihrer Inhalte.

Ein Vorteil ist eine eindeutige thematische Positionierung mit klarem inhaltlichen Rahmen.


Beim Thema Vermarktung werde ich versuchen zu zeigen, dass es auch Vorteile haben kann, mit etablierten Verlegern zusammen zu arbeiten. Denn es sind bisher vor allem die verlagsgebundenen Onlinepublikationen, die lebensfähig sind und wenigstens ihre Produzenten ernähren können. Und von jenen sind es auch nur einige wenige – wie beispielsweise ‚Focus Online‘ – die in den letzten Jahren tatsächlich einen wirtschaftlichem Nettogewinn generieren konnten.

Bei den reinen Onlinern unter den General-Interest-Onlinemagazinen waren es zum Beispiel ‚Nettavisen‚ aus Norwegen (deren Verlegern inzwischen auch die deutsche ‚Netzeitung‘ gehört) sowie das Microsoft-eigene ‚Slate‚, die in der Vergangenheit mit Gewinn arbeiteten. Nettavisen schrieb 2000 bereits 4 Jahre nach Gründung trotz des beträchtlichen Stammes von bis zu 43 Mitarbeitern schwarze Zahlen. Slate wurde nach insgesamt 7 Jahren und einer Anlauffinanzierung von 20 Millionen US$ das erste Mal profitabel. Das mit Slate konkurrierende Magazin ‚Salon‚ hat es dagegen zuletzt mit Paid-Content versucht und musste sich nach einer Beinahepleite umorientieren.



 

Nachtrag 2014:

7 Jahre nach der Verfassung dieses Textes etaliert sich Paid Content langsam. Meiner Ansicht nach vor allem durch die zunehmende Verbreitung von Smartphones und Tablets, welche anscheinend die Bereitschaft, für digitale Leistungen zu bezahlen, grundsätzlich erhöht haben. Die deutsche WELT hat über die letzten 3-4 Jahre konsequent und erfolgreich ein Bezahlsystem für digitale Multichannel-Inhalte aufgebaut und etabliert. Die WELT war hier definitiv Pionier auf dem deutschen Markt. Mittlerweile wird das Modell auf weitere Springer-Medien ausgedehnt, und auch Publikationen anderer Verlage lehnen sich zunehmend daran an.

Auf dem internationalen Markt ist inzwischen die „Huffington Post“ eine echte Hausnummer (inzwischen sogar mit deutschem Ableger) und eines von vielen Gegenbeispielen für die Behauptung, dass mit Onlineinhalten kein Geld zu verdienen sei.

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Ein Kommentar zu “Medium Online (3/3) – Verleger ohne Verlag

  1. Pingback: Medium Online (2/3) – Biotop Onlinemedien | VELTENSicht

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