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Tu felix Mediokratie?

Tu felix Germania! Du glückliches Deutschland. Da Du anscheinend keine echten Probleme hast.

Was waren denn – gemessen am Umfang der medialen Berichterstattung –  die zuletzt grössten politischen Skandale der Bundesrepublik  …

  • ob der (rote) Bundeskanzler sich die Haare färbte oder nicht
  • das außereheliche Liebesleben des (blau-weissen) Gesundheitsministers
  • dass der (schwarze) Verteidigungsminister abgeschrieben hatte

Nun ist es mal wieder so weit.

Seit 2 Wochen beobachte ich fasziniert, wie die bundesdeutschen Medien aus keinem Thema einen Skandal bauen. Diesmal wird das ganz grosse Rad gedreht. Der Bundespräsident ist dran. Waren es anfangs nur „Vorwürfe“, änderte sich die Sprachregelung von einem Tag zum anderen zur „Kredit-Affäre„. Man brauchte mehr sprachliche Schärfe, weil das Thema berechtigterweise niemanden interessierte. Und die sprachliche Eskalation schraubt sich weiter unaufhaltsam nach oben. Fern jeder Verhältnismässigkeit und eigentlich auch fern der Realität. Oder haben wir momentan keine andere Probleme, als welcher seiner Bekannten Christian Wulff privat Geld geliehen hat oder haben könnte?

Fragen drängen sich auf.

  • Gelten für einen Minster- oder Bundespräsidenten dieselben Rechte wie für alle Anderen? Oder darf er Dinge nicht tun, die ansonsten ganz normal und ausdrücklich legal sind?
  • Darf ein Ministerpräsident nicht wie jeder auch Privatkredite aufnehmen? Oder zumindest dann nicht, wenn er irgendwann einmal Bundespräsident werden möchte?
  • Darf er dann überhaupt Freunde haben? Zumindest keine, die beruflich-geschäftlich erfolgreich sind. Denen haftet offensichtlich der Pauschalvorwurf der Unlauterbarkeit und grundsätzlichen Bestechungsbereitschaft an.
  • Brauchen wir am Ende für Politiker in Spitzenämtern ein Freunde-Meldepflicht mit entsprechendem Register? Analog zum Nebeneinkünfteverzeichnis.

Die angebliche „Wächterfunktion“ der Presse überdreht und pervertiert sich selbst. Wieder einmal. Und es wird von mal zu mal schlimmer. Da wird keine Ruhe gegeben. Einmal in Schwung gebracht läuft die Maschinerie unstoppbar. Die selbsternannte „Wächter“ geben in ihrer übersteigerten Hybris nur dann Ruhe, wenn das Opfer endlich zur Strecke gebracht ist. Bequemerweise ist die Beweislast ist schon lange umgedreht. Da wird einfach erst einmal behauptet, gemutmaßt und unterstellt.  Man hört eigentlich immer nur, was „gewesen sein könnte“. Beweise und Belege sind nicht notwendig. Im Gegenteil, der Angegriffenen soll gefälligst einen Gegenbeweis bringen, dass es nicht so ist, wie behauptet. Ein sehr merkwürdiges und gefährliches Rechtsverständnis.

Und wehe wehe! … wenn der Angegriffene es wagen sollte, Unmut über das Verhalten der Presse zu äussern oder sich gar direkt zu beschweren. Das ist Ketzerei! Die Mediokratie probt den Zwergenaufsstand. Kollektives Aufjaulen: „Die Pressefreiheit ist in Gefahr!“ Der Bundespräsident soll dem Chefredakteur der Bildzeitung „gedroht“ haben. Ich erlaube mir ein müdes Grinsen. Als ob irgendjemand dem Chef der auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands drohen könnte – geschweige denn der per Amt machtlose Bundespräsident. Dazu noch einer Zeitung, die selber nicht unbedingt für besonders ethischen Journalismus und faires Verhalten bekannt ist. Auf sich herumtrampeln lassen, dass darf Herr Wulff dürfen. Aber sich wehren nicht. Er ist ja quasi öffentliches Objekt.

Dabei schaden die Medienvertreter vor allem auch sich selbst. Weil immer weniger Menschen Presse und Medien ernst nehmen. Weil die wirklichen Themen irgendwann niemanden mehr interessieren, wenn alles zum „Skandal“ wird. Weil die Pressefreiheit sich selber untergräbt, wenn sie ihre Verantwortung vergisst.

Das Volk ist dabei zunehmend genervt von der Dauerbeschallung. Die öffentliche Vivisektion verwandelt sich in eine Farce.  Ich halte es mit Eckhard Fuhr (Zitat): „Im aktuellen Fall ist der Abpfiff überfällig. Sonst endet es noch mit (Zitat) „Skandal: Bettina Wulff betrügt bei Rewe mit Maschmeyers Treuepunkten.“

Ich jedenfalls möchte weiter gerne bei Freunden übernachten dürfen ohne zu bezahlen (ups!). Ich möchte mir bei Bedarf weiterhin Geld leihen dürfen, von wem ich möchte. Und ich will gerne mit Freunden Urlaub machen können, ohne dass ich für die Abrechnung einen Wirtschaftsprüfer konsultieren muss. Wenn mir danach wäre, würde ich  gerne meine Verhärmung über unfreundliches Verhalten auf Anrufbeantworter sprechen dürfen. Und mangelndes ethisches Verhalten von Presse- und Medienvertretern werde ich weiterhin offen kritisieren. Auf jeden Fall würde ich mich dagegen wehren, wenn man von mir öffentliche Antworten auf Fragen zu meinem Privatleben verlangen würde.

Daher habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, einmal Bundespräsident werden zu können. Da kann man wohl tatsächlich sagen „Tu felix Germania!“

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8 Kommentare zu “Tu felix Mediokratie?

  1. Anfang Februar 2013. Brüderle, der alte Hase, ist abgetaucht, lässt sich nicht greifen. Dafür kennt er die Regeln der Jagd zu gut. Die frustrierte Meute hat sich aber bereits ein Ersatzziel gesucht, Jörg Uwe Hahn, hessischer FDP-Vorsitzender. Hat fast etwas von Sippenhaft. Kriegen wir den einen FDPler nicht, holen wir uns eben einen anderen. Zwar mit völlig blöden* Vorwürfen, aber zu den Grundregeln der Jagd gehört eh, dass Fakten nachrangig sind. Mehr hierzu bei Zettel: Schlitzauge, Fidschi, Gelber Sack. Philipp Rösler, Jörg-Uwe Hahn und der deutsche Rassismus.

    * Habe lange nach einem passenden Wort gesucht, es fiel mir aber wirklich kein besseres ein.

  2. November 2013. Wulff-Update … von dem „Riesenskandal“ und Medienhype sind lediglich 720 Euro Verdachtsmoment geblieben. Alles andere war Schall und Rauch. Reue oder Entschuldigung durch die Pressevertreter: null. Selbstkritik durch Medien: null. Selber das leisten, was von anderen publikumswirksam eingefordert wird: null. Siehe auch in der Süddeutschen … „Anklage ohne Maß

  3. Pingback: ADAC im Fadenkreuz | VELTENSicht

  4. März 2014. Wulff wurde freigesprochen. Von den vielen Pseudovorwürfen, an denen sich Presse und selbsternannte Tugendwächter einst ergötzt hatten, ist nicht ein einziger geblieben. Alles nur heisse Luft und Medienhysterie. Sogar selbsternannte „Qualitätsjournalisten“ hatten sich von der Bildzeitung mitziehen lassen. Hat denn keiner „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gelesen?

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