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„Das macht doch keinen Sinn!“

Manchmal gibt es Businessentscheidungen, bei denen man das Gefühl hat, sie seien vollkommen unnötig oder blödsinnig. Im eigenen Unternehmen, bei Kunden oder Lieferanten. Früher oder später bricht es dann aus dem ein oder anderen heraus: „Das macht doch alles gar keinen Sinn!“

Aber ist das dann wirklich so? Passieren manche Dinge in Unternehmen tatsächlich ohne Sinn  (und Verstand)?

Oder geht man unter Umständen einfach nur von den falschen Annahmen aus? Ich möchte gerne übliche Denkirrtümer anhand eines fiktiven Beispiels zeigen. Falls Sie darin reale Situationen oder Personen wiedererkennen, wäre das natürlich reiner Zufall und keinesfalls beabsichtigt …

Anwendungsfall: Eine Firma informiert mit relativ wenig Vorlaufzeit, einen internen Service Ende Jahr einzustellen.

  • Dieser Service bedient 80 Länderorganisationen und nahezu alle Geschäftsbereiche des Unternehmens.
  • Dieser Service ermöglicht belegbar über 90% Zeiteinsparung für bestimmte produktrelevante Tätigkeiten.
  • Der Service braucht kein Budget und ist über interne Leistungsverträge finanziert.
  • Dieser Service spart dem Unternehmen netto bisher jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag.
  • Das Abschalten des Service gefährdet business-kritische Prozesse.
  • Das Abschalten des Service provoziert das Risiko von Schwierigkeiten mit Aufsichtsbehörden.
  • Mit Abschalten des Service verliert das Unternehmen unwiderruflich Wissen über die eigenen Produkte.
  • Es gibt keine gleichwertige Alternative.
  • Die Entscheidung wird nicht begründet.
  • Aus viel Nebel heraus kristallisiert sich als alleinige Motivation, dass das Linienmanagement der Geschäftseinheit die dem Service zugehörigen 4 FTE freischaufeln möchte, um sie anderweitig einsetzen zu können.
  • Als Entscheidungsgrundlage wir eine voreingenommene Pseudo-Evaluation zur Qualität und Nutzen des Service referenziert, für welche beispielsweise Mitarbeiter befragt wurden, die nie Nutzer des Service waren.
  • Der Aufschrei der internen Kunden, die abhängigen Mehraufwand und Businesskritikalität klar darlegen, wird totgeschwiegen.
  • Das Einsparen der 4 FTE in der Geschäftseinheit verursacht in Folge summierten Mehraufwand in anderen Bereichen in der Größenordnung von 250 FTE.

Das macht doch alles gar keinen Sinn, sagen Sie jetzt? Das wäre doch alles vollkommen unlogisch? Und da sind wir schon beim ersten Irrtum bzw. der ersten Fehlannahme …

Irrtum der paradoxen Logik

Ja, eine Situation kann für Sie und mich völlig gegen die Logik sein. Dabei ist es unter Umständen nur gegen unsere Logik. Es gibt aber oft noch alternative. Wenn sich im Geschäftsleben etwas unlogisch oder paradox darstellt, dann liegt es manchmal daran, dass Initiatoren und Entscheidungsträger einer ganz anderen Logik folgen, als der, von der Sie vielleicht ausgehen. In Ihrer Logik und Wertesystem stellt der im Beispiel genannte Service einen erheblichen Produktiväts-, Kosten- und Wettbewerbsvorteil für das Unternehmen dar. In der Logik und Prioritätensetzung des Linienmanagements können endlich 4 FTE nach belieben neu eingesetzt werden.

Wir-sind-doch-eine-Firma Irrtum

Das Beispiel oben zeigt sehr plakativ, dass der Blick für den Gesamtvorteil für das Unternehmen oft verloren geht, vor allem in größeren. Viele Mittelmanager, und damit viele Geschäftseinheiten, arbeiten vor allem für sich selber. Müssen sie in der Regel auch, um gut da zu stehen und zu überleben. Im Beispiel oben hat das Linienmanagement reichlich wenig vom eigenen Service. Produktivitätsvorteile und Einsparungen liegen in völlig anderen Bereichen. Im Gegenteil, bisher sind 4 eigene FTE blockiert, mit denen man eigentlich viel lieber andere Funktionen gestalten möchte.

Das-ist-kein-Spiel Irrtum

Doch! Entscheider sind es gewohnt – bewusst oder unbewusst – jeden Tag „Office Games“ (politische Spielchen) zu spielen. Sie sollten selber sowohl die beteiligten Mitspieler als auch die konkreten Spielregeln herauszufinden. Das kann unter anderem auch helfen, parallele Logiken zu erkennen und zu verstehen.

Es-geht-um-die-Sache Irrtum

Es geht schon um die Sache. Nur oft um eine andere als Sie denken. Wie sieht es bei dem Beispiel oben aus? Geht es allen um dieselbe Sache? Wem geht es denn eigentlich um was? Welche Motivationen und Ziele sind wo vorhanden? Könnte man diese zu einem Win-Win zusammenbringen und mit welchem Aufwand wäre dieser verbunden? Wer hätte überhaupt ein Interesse oder einen Nutzen an einem Win-Win?

Die-wollen mich-absägen Irrtum

Persönliche Verletztheit ist absolut nachvollziehbar, wenn man selber von scheinbar sinnlosen Entscheidungen betroffen ist. Sie sollten sich aber auch bewusst machen, dass solche Entscheidungen oft überhaupt gar nichts mit Ihrer Person, Ihrer Expertise, oder der von Ihnen gezeigten Leistung zu tun haben. Wie gesagt, die Logik ist unter Umständen eine ganz andere, und Sie sind lediglich eine von vielen Schachfiguren. Nun fühlt es sich auch nicht unbedingt besser an, zu wissen, dass man unter Umständen lediglich Spielfigur ist. Und doch kann es sehr befreiend sein, zu verstehen, dass der Spielzug an sich nichts mit einem selber zu tun hat.

Ich-habe-versagt Irrtum

Hängt eng mit dem vorherigen zusammen. Manchmal erscheint es Ihnen, als hätten Sie irgendetwas nicht richtig gemacht. Es macht Sie fast wahnsinnig, weil Sie nicht wissen was und warum. Es hat sich doch immer richtig angefühlt. Womöglich haben Sie durchaus nach bestem Wissen und Können alles richtig gemacht … im Koordinatensystem Ihrer Logik. Aber aus dem Blick einer anderen Logik jedoch kann ein tolles Ergebnis oder eine Leistung völlig irrelevant und vernachlässigbar sein.

Es-dreht-sich-nur-ums-Geld Irrtum

Die Fehlannahme, dass finanzielle Aspekte die wesentlichen unternehmensinterne Entscheidungstreiber sind, ist recht verbreitet. Ich möchte nicht sagen, dass Geld keinen Einfluss hat. Aber zum einen zeigt das Beispiel sehr schön, dass es auch eine Rolle spiel, wo bzw. von wem Geld ausgegeben oder eingespart gespart wird. Zum anderen hat in vielen Großunternehmen die Anzahl FTE das Budget als offizielle Währungseinheit abgelöst. Am Budget kann man gegebenenfalls schrauben, an der Anzahl zur Verfügung stehender FTE oft nicht. Darüber hinaus gibt es weitere Wertigkeiten und Motivationen, wie beispielsweise persönliche Vorteile beim Aufstieg durch sogenannte „mutige Entscheidungen“. Oder umgekehrt die Angst, sein Gesicht zu verlieren, wenn man eine offensichtlich falsche Entscheidung zurücknehmen müsste. Einige sind durchaus bereit, für das eigene gute Dastehen einiges an Geld, Produktivität und Erfolg des Unternehmens zu riskieren.

Sie sehen, es gibt unter Umständen öfter einen (versteckten) Sinn als Sie denken. Versuchen Sie, alternative Logiken möglichst frühzeitig zu erkennen. Aber offen gesagt, kann man das manchmal erst, wenn es bereits zu spät ist …

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