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Süddeutsche: Setzen, 6!

Es ist das Jahr 4014.

Bei archäologische Forschungen im Norddeutsch-Polnischen Becken – etwa an der Stelle, wo sich die antike Stadt Berlin befand – wurden Reste von kurzen Lederhosen gefunden, wie sie ab der Mitte des 3. Jahrtausends n.Chr. als Einheitskleidung im ganzen Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands getragen wurden. Radiokarbon-Datierungen der Kleidungsreste datieren diese auf das Jahr 2400 n.Chr.. In tiefer liegenden (= älteren) Sedimentschichten wurden dagegen keine Lederhosenreste gefunden. Dies bedeutet, dass die Behauptungen altertümlicher Schriften, es hätte im Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands bereits zu Ende des 2. Jahrtausends n.Chr. lederhosentragende Eingeborene gegeben, widerlegt ist.

So, so. Richtiger Befund – falsche Schlussfolgerung. Wie wir heute noch wissen, werden gibt es „im Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands“ durchaus „lederhosentragende Eingeborene“. Nur in Berlin wohl eher weniger. Kann ja noch werden …

Von der Fiktion zur Wirklichkeit. Ein sehr ähnliche Geschichte wurde vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

Unter der Überschrift „Bibel-Autoren erfanden Kamele“ gibt man sich populärer Bibelkritik hin. Anlass sind aktuelle Erkenntnisse israelischer Archäozoologen, nach denen es in der israelischen Arava-Senke erst ab ca. 300-400 v.Chr. Kamele gab. In der Bibel wird dagegen erzählt, dass der in Israel lebende Abraham bereits Kamele gehabt hätte (24. Kapitel des 1. Buch Mose, Vers 10). Da nach heutigem Stand  Abraham und seine Nachkommen zwischen 2000 und 1500 v.Chr. gelebt haben, also deutlich früher, muss die Erzählung der Bibel falsch sein, schlussfolgert die Süddeutsche.

Ist das so?

Großzügig ignoriert (oder eben erst gar nicht gesucht) wurden der Stand der Wissenschaft, dass Kamele spätestens seit 2600 v.Chr. in einem Gebiet von Ägypten bis zum heutigen Iran als Nutztiere bekannt und verbreitet waren. Also, es stimmt schon: in der Arava-Senke gab es wohl anscheinend keine gezähmten Kamele „im letzten Drittel des zehnten Jahrhunderts v.Chr.“. Genauso wenige wie es keine (oder nur vereinzelte) kurze Lederhosen in Berlin gibt. Woanders in Israel (Kamele) bzw. Deutschland (Lederhosen)  aber eben schon.

Außerdem – auch dies ignoriert oder nicht recherchiert – erläutert der biblische Bericht selber, dass Abraham seine Kamele gar nicht aus Israel hatte, sondern aus Persien einführte (12. Kapitel des 1. Buch Mose, Vers 5). Weitere Kamele bekam er in Ägypten geschenkt (12. Kapitel des 1. Mose, Vers 16). Hätte man einfach mal die ganze Story lesen sollen!

Nun ja, auch „Qualitätsjournalisten“ liegen mal daneben. Vor allem, wenn es eine schnelle Schlagzeile geht und man solide Hintergrundrecherche vernachlässigt.

„Süddeutsche: Setzen, 6!“

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