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Warum wird schlechte Führung toleriert?

post20140914

In meiner Zeit in einem internationalen Großkonzern bin ich immer und immer wieder bei der einen Frage gelandet.

Warum gibt es bezüglich Führungsqualität so eine eklatante Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Da war zum einen der formulierte Selbstanspruch des Unternehmens. Das, was im internen Verhaltenskodex und in Managerrichtlinien als gute Führung definiert war. Das, was mir auf internen Führungsschulungen an Erwartungen, Techniken und Best-Practice beigebracht wurde. Alles davon konnte ich voll unterschreiben und es stand – aus meiner Sicht – ein wirklich toller Gesamtansatz dahinter … auf dem Papier.

Andererseits war da die Realität. Die alltäglich beobachtete und erlebte Führungspraxis, nein ich muss sagen: Führungsversagen und -inkompetenz. Das offensichtliche und vorsätzliche Nichteinhalten der selbstgewählten Führungsexzellenz. Quer durch die Organisation, quer über alle Hierarchiestufen, und nicht nur vereinzelt. Selbstverständlich gab es auch Leuchtfeuer im allgemeinen Führungsstumpfsinn; Ausnahmen bestätigen auch in diesem Fall die Regel. Aber in der Fläche hatten unternehmensintern Führungsstil-Anspruch und -Realität leider nicht viel miteinander zu tun.

Ich grübelte nächtelang, was denn da bloß los war, woran es scheiterte. Schließlich waren die theoretischen Verhaltensvorgaben für das Führungspersonal klar und eindeutig. Schließlich hatten wir alle dieselben Führungsschulungen besucht. Irgendetwas verursachte bei Rückkehr in den Arbeitsalltag eine partielle Amnäsie bezüglich des Gelernten.

Ich landete mit meinen Überlegungen eigentlich immer bei derselben Ursache, wenn ich mir auch abschließend nie wirklich sicher war. War es so, dass andere Ziele und Prozesse – wie beispielsweise Jahresergebnisse, Einsparvorgaben oder eine konkrete Form von  Mitarbeiterbewertung – gutes Führungsverhalten nicht förderten sondern unter Umständen sogar bestraften? Dass andere Dinge einfach wichtiger waren, um im Unternehmen in einer Führungsposition zu überleben und weiterzukommen?

Meine subjektive Schlussfolgerung wurde nun durch eine Veröffentlichung im Harvard Business Manager zumindest im Ansatz bestätigt. Carsten Steinert und seine Forschungsgruppe von der Hochschule Osnabrück fanden bei der Auswertung einer Befragung von Führungskräften in deutschen Unternehmen, dass Unternehmen offensichtlich schlechte Führung tolerieren, solange die Ergebnisse stimmen.

Bedeutet dies, dass Führungsqualität und -kompetenz also nur reines Mittel zum Zweck sind? Und wenn der Zweck ohnehin schon erfüllt ist, braucht es das nicht?

Dies würde zu einem grundsätzlichen Trend passen, dass vor allem größere, börsennotierte Unternehmen zunehmend manisch fixiert sind auf Quartalsebene und Jahresabschlüsse. Dass kurzfristige Zahlen wichtiger zu sein scheinen als Strategie und unternehmerische Nachhaltigkeit.

Meiner persönlichen Meinung nach sind hohe Führungsqualität und -kompetenz übrigens mehr wert. Sie sagen etwas über das professionelle Selbstverständnis, den Charakter und die Motivation einer Führungskraft aus. Seien Sie besser als Andere! Seien Sie kein Manager, sondern denken Sie unternehmerisch. Der Weg der guten Führung lohnt sich … wenn man die Fähigkeit besitzt, über Quartalsergebnisse hinaus zu blicken, jedenfalls.

 


 

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