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Replik auf Jan Schweitzers „Uhrenvergleich“ in der ZEIT vom 23.04.2015

Zu „Uhrenvergleich!“, Beitrag von Jan Schweitzer, DIE ZEIT vom 23. April 2015, Seite 17.

„Apples neue Watch konnte mein Leben verändern. Konfliktfreier, sozialverträglicher und ruhiger wird es werden. […] seit ich ein iPhone besitze, habe ich ein Problem: Ich nerve andere Menschen, weil ich ständig auf mein Handy schaue. […] Mein iPhone wird häufiger in der Tasche bleiben, ein unschuldiger Blick zur Uhr ersetzt den schuldbewussten Griff zum Telefon. Und manchmal muss ich noch nicht mal schauen, weil die Apple Watch mir schon durch die Art des Klopfens signalisiert hat, was ansteht. Sie wird aus mir einen anderen Menschen machen, einen umfänglicheren, gesprächigeren – wenn erst mal die ersten zwei, drei Monate überstanden sind, in denen ich sicher so fasziniert von ihr bin, dass ich den Blick nicht von ihr werde lassen können.“

 

Lieber Herr Schweitzer,

 

bin ich „oldschool“, weil mich ihre Postitionsbeschreibung zur Apple-Watch völlig irritiert zurück lässt?

OK, Karten auf den Tisch, ich finde mit der smarten Uhr sieht der gängige Hipster einfach aus wie ein Playmobil-Männchen mit Bart. Das ist aber gar nicht der Ursprung meiner Verwirrtheit. An die zunehmende Präsenz grenzdebiler Gadgets, die einem beispielsweise sagen, wann man zu laufen und zu essen hat und wann man sich wohlfühlt, habe ich mich auch gewöhnt. Bin mittlerweile begeistert belustigter Beobachter der Lemminge.

Nein, mich haben zwei Dinge verwirrt. Zum Einen Ihr Anpreisen des unglaublichen Fortschrittes, dass man zukünftig seine Gegenüber nicht mehr durch das Herausziehen des Smartphones vor den Kopf stoßen muss, sondern das nun total innovativ durch regelmäßigen Blick auf seine Uhr tun kann … seinen Gegenüber vor den Kopf stoßen. Ich darf ganz offen mit Ihnen sein, dass für mich ein wiederholter Blick eines Gesprächspartners in Richtung seiner Uhr nicht unbedingt positiv besetzt ist, ganz und gar nicht „unschuldig“. Sondern eigentlich eine ein deutliches und herablassendes Zeichen von Desinteresse oder dass man eigentlich etwas anderes, viel wichtigeres zu tun hat. Das ist schon bei richtigen Uhren so, und ich kann nicht erkennen, warum sich das bei Smartwatches anders anfühlen sollte. Und ich weiß, dass ich mit dieser Wahrnehmung nicht alleine bin. Daher als kleiner Tipp, lassen Sie sich von ihrer neuen smarten Watch nicht zu häufigeren Blicken verführen. Mit gegebener Wahrscheinlichkeit kommt das weniger gut, als Ihnen vorschwebt.

Zum Zweiten – und das ist irritationstechnisch wesentlich gravierender – verstehe ich nicht, warum es so wichtig ist, ständig sein Gadget zu konsultieren, sei es das smarte Phone oder die smarte Watch. Was könnte man Angst haben zu verpassen, grüble ich. Was verursacht solch pathologisch zwanghaftes Verhalten, brüte ich. Bin ich daneben, weil ich nur selten auf mein Smartphone schaue, und ausschließlich, wann ich das will, und nicht wann das Gerät es mir sagt, dass ich gefälligst zu schauen habe? Gehört ferngesteuerten Lemming die Zukunft, weil die Uptodateness einen mir verborgenen Evolutionsvorteil verschafft? Verschwende ich mein Leben, weil vielleicht so unglaublich viel an mir vorbei geht? Verpasse ich den lebensveränderten Effekt der smarten Uhr?

Ich denke nicht.

Ich schaue weiterhin lieber Menschen in die Augen und höre ihnen zu. Das finde ich erfüllend und erhellend und wirklich lebensverändernd. Bitte sehen Sie es mir daher nach, dass ich mich mit großer Freude aus dem ganzen Apfel-hihihy (hippen-hinterherrenn‘-Hype) ausklinke. Bei Uhren bleibe ich gerne erwachsen … so richtig cool oldschool eben.

 

Mit besten Grüßen

Christian Velten

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