Über Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung

Eine fast reale Geschichte

Neulich im Wartezimmer meines neuen Hausarztes.

An der Wand hing eine Approbationsurkunde mit seinem vollständigen Namen. Der erinnerte mich an einen ehemaligen Klassenkameraden gleichen Names, vor 20 Jahren ein drahtiger und langhaariger Kerl.

Doch als ich den Arzt sah, verwarf ich den Gedanken. Dieser wohlgenährte, grauhaarige Mann mit der knubbeligen Nase war viel zu alt, um in meiner Klasse gewesen zu sein.

Nachdem er mich untersucht hatte, fragte ich ihn trotzdem, woher er komme und ob er zufällig meine Schule besucht hätte. „Ja“, antwortete er. Ich: „Wann haben Sie das Abi gemacht?“, Er: „1987, warum?“ „Sie waren in meiner Klasse“ antwortete ich. Er betrachtete mich aufmerksam und fragte dann: „Und was hatten Sie unterrichtet?“

 

angelehnt an „Leicht verschätzt“ von Peter Kottlorz auf SWR3

Die Schöpfer alternativer Fakten

Ich erinnere mich noch gut an einen vorpubertären Jungen, den ich einst darauf ansprach, warum er mit viel roher Gewalt einen Baum verletze, und der mich mit großen Augen ansah und mir versicherte, er sei das nicht gewesen … „Neeeiiiin, das war ich nicht!“ … während er ein mit Holzspänen verklebtes Beil in der Hand hielt, welches er kurz zuvor aus meinem Arbeitskeller stibitzt hatte.

Baum mit Kerbe + Junge mit Beil in der Hand + beide zur selben Zeit am selben Ort = … ! Nun ja, damals bekam ich eine sehr bodenständige Vorstellung von dem, was heute „alternative Fakten“ genannt wird.

Jahre später …

„Neeeiiin, ich habe keine Kombattanten auf die Krim geschickt und keine Waffen in die Ostukraine, mit denen ein niederländisches Flugzeug abgeschossen wurde!“

Wiederum wenig später …

„Neeeiiin, ich hatte die meisten Teilnehmer einer Präsidentenvereidigung ever!“

Irgendwie habe ich ein déja-vu …

 

Mancher auf diese Aussagen folgende Kommentar hörte sich nun so an, als wären Trump, Putin, Erdogan und manche Vertreter der AfD (die ich durch Namensnennung nicht unnötig aufwerten möchte), als seien diese die Schöpfer des Konzeptes „alternativer Fakten“.

Doch sie sind es nicht. Das Konzept ist ganz und gar nicht neu!

 

Die Wochenschaupropaganda über großartige Siege an der Ostfront, während zur selben Zeit eine ganze Heeresgruppe elendig verreckte, sind im kollektiven Gedächtnis bis heute präsent. Alt-Nazis und Neofaschisten schwärmen bis heute von der „tollen Zeit“ und dass „nicht alles schlecht war“. Da existiert 70(!) Jahre später und trotz intensiver Aufarbeitung und der Existenz Unmengen dokumentierter Echt-Fakten immer noch eine alternative Wahrnehmung.

Anderes Beispiel. Die glücklicherweise genauso  von der Geschichte geschluckten Stalinisten im alten Sowjetreich und der DDR lugen sich mit „alternativen Fakten“ eine komplette alternative Realität in die Tasche. Wesentliche Teile der Partei „DIE LINKE“ und andere Ewig-Gestrige tun das bis heute. Putin ist ein Kind der postfaktische Gesellschaft der UdSSR. Der proaktive agitierende Einsatz „alternativer Fakten“ gegen politische Gegner im Allgemeinen und den Westen im speziellen sind für ihn selbstverständlich. Er wurde darin ausgebildet und konditioniert.

Last not least noch ein Beispiel aus persönlichem Erleben, abseits der Weltgeschichte und im realen Alltag. Seit meiner Zeit als junger Biologiestudent muss ich mich in Sachen Gentechnologie mit Unmengen wirren Thesen,  „alternativen Fakten“ und Verschwörungstheorien von Greenpeace, BUND und anderen Lobbygruppen auseinandersetzen. Bis heute arbeiten diese überaus erfolgreich mit postfaktischen Mitteln.

„Alternative Fakten“ werden wahrscheinlich als politisches Instrument eingesetzt, seitdem es Menschen gibt. Das macht es nicht besser. Aber es auf Trump, Putin und Co. zu begrenzen, ist mir zu engstirnig.

 

„Alternative Fakten“ sind nicht neu und bei weitem kein Privileg von politisch Rechten und Narzissten. Allen gemeinsam sind ein unbedingter Wille zur Macht, die Rücksichtslosigkeit bei der Wahl der Mittel, eine Unterordnung der Realität unter die eigene Vorstellung, eine ungesunde Überbewertung des Bauchgefühls, die Unlust, sich selber zu hinterfragen, sowie eine offen zur Schau getragene Gleichgültigkeit gegenüber Fakten, Daten und der Realität.

Das Verhalten von Trump, Putin, Erdogan und auch einzelnen AfD Vertretern erinnert mich manchmal schon sehr an den kleinen Jungen, der damals mit großen Augen und einem frisch benutzen Beil in der Hand vor mir stand und mir versicherte, das wäre ja alles ganz anders gewesen.

Good-bye Google! – Die Liste

Auf besonderen Wunsch poste ich diesen Nachtrag zum meinem „Good-bye Google!“ Artikel. Eine Liste von Quasi-Monopolisten, und wie ich sie bei mir ersetzt habe …

 

was wofür ersetzt mit …
Gmail mobile Email (IMAP) IMAP-Mailserver und Roundcube *
Gmail-Kontakte Kontakte auf mobilen Geräten nutzen und synchronisieren ownCloud *
Gmail-Kalender Termine auf mobilen Geräten nutzen und synchronisieren ownCloud *
Gmail-Aufgaben Aufgaben auf mobilen Geräten nutzen und synchronisieren ownCloud *
Bookmarks meine Bookmarks mobil nutzen und synchronisieren ownCloud (oder LimboMedia) *
OneNote, Evernote meine Notizen mobil nutzen und synchronisieren ownCloud (oder LimboMedia) *
Feedly Newsfeeds lesen Tiny Tiny RSS *
Drobbox, Google Drive Dateiablage in der Cloud, Dateien mit Freunden teilen ownCloud *
Picasa Online-Fotos, Fotos mit Freunden teilen ownCloud (oder LimboMedia) *
meine Musiksammlung mobil hören LimboMedia (oder ownCloud) *
meine Videos mobil sehen LimboMedia (oder ownCloud) *
mein eigenes Wiki mobil pflegen MediaWiki *
Google-Suche Internetsuche ixquick und Startpage
Amazon Bücher und eBooks online bestellen, Wunschzettel osiander.de
meine Passwörter unterwegs dabei securesafe.com (Schweiz)
Cloud-Backup regelmäßige Sicherungskopien meiner Daten rsync und BackInTime *
Android Smartphone Smartphone Blackberry mit IMAP-Mailzugriff, Whatsapp, Skype, ownCloud App, Limbomedia App, Tiny Tiny RSS App, Osiander App sowie allen von mir benötigten Android Apps via Snap

 * = auf meinem eigenen Cloudserver

 

To be continued …

Good-bye Google!

Es ist ein echtes Dilemma!G1314160

Einerseits traue ich Google & Co. nicht über den Weg (siehe beispielsweise früheren Blogbeitrag). Ich fühle mich nicht wohl, meine Termine, Adressen und Mails auf Servern abzulegen, die dann irgendwo auf der Welt liegen, wo irgendjemand damit machen kann, was er oder sie will, ohne dass ich das mitbekomme. Und selbst wenn ich Daten aus meinem Google- oder Facebook- oder Dropbox-Account lösche, und selber nicht mehr angezeigt bekomme, heißt dies nicht, dass sie wirklich gelöscht sind, und nicht doch noch als Kopie auf irgendeinem Server liegen. Was einmal raus ist in die Cloud, ist nicht wieder rückholbar. Faktisch gebe ich bei Nutzung von Gmail, Facebook, Dropbox, Picasa, etc. meine informationelle Selbstbestimmung auf.

Andererseits ist es so schön bequem mit den mobilen, überall synchronen Cloud-Daten. Ich habe Kalender und Adressen immer in der aktuellsten Version dabei, und kann mit jedem Gerät  Termine abgleichen oder neue Kontakte hinzufügen. Falls notwendig habe ich auch unterwegs Zugriff auf Mails und Feeds. Meine Urlaubsfotos sind immer mit dabei. Die aktuellste Geschäftspräsentation sowieso. Und ich lese meine abonnierten Medien wo ich gerade bin. Das ist schon schön und angenehm.

Ein Teufelskreis!

Also habe ich eine Lösung gesucht, die Bequemlichkeit weiter zu haben, ohne Anderen meine Daten zu schenken … und gefunden.

Ein eigener kleiner Cloudserver. Der kann genau dasselbe wie Gmail, Dropbox und Co., aber die Daten liegen bei mir zuhause und nicht bei Google auf Offshore-Servern in der rechtsfreien Zone internationaler Gewässer.

Linux-basiert – Ich habe einen alten Rechner genommen und Ubuntu LTS aufgespielt. Linux bringt von Hause aus bereits umfangreiche Sicherheitsfunktionen, wie Firewall oder Fail2ban mit. Der Server hat eine dynamische IP, wobei die jeweils aktuelle IP-Adresse vom Linuxtool ddclient zum Anbieter übertragen wird. Ports für Mail, HTTP und HTTPS habe ich im DSL-Router frei gegeben. SSL/HTTPS war schnell eingerichtet und aktiviert.

IMAP-Mailserver – Ich synchronisiere meine Mails per IMAP mit Android, Blackberry und Windows. Die freien Serveranwendungen Postfix und Dovecot bringen alles mit, was es braucht. Spamassassin, Amavisd, ClamAv und Postgrey sorgen für (lernfähigen) Spam- und Virenschutz. Fetchmail sammelt automatisch Mails aus verschiedenen Postfächern ein. ManageSieve sorgt für die automatische Sortierung von Mails in Themenordner (Thunderbird-Plugin verfügbar). Ich bin auch noch über eine alternative Gesamtlösung gestolpert – klar, nachdem ich meinen Mailserver von Hand eingerichtet hatte: iRedMail, kostet etwas, aber dafür hat man alles im Paket.

Webmail – Zusätzlich zu meinen Geräten habe ich weltweit Web-Zugriff auf meine Mails zuhause mit Hilfe des freien und ebenfalls mit Plugins erweiterbaren Webmailers Roundcube.

File-Cloud – Mobilen Zugriff auf meine Dateien und Dokumente habe ich mit ownCloud. Für ownCloud gibt es zahlreiche Plugins, um den Funktionsumfang individuell zu erweitern. Eine spannende Alternative und auf jeden Fall einen Versuch wert (v.a. als Einstieg) ist der Java-basierte LimboMedia Homeserver. Beide, ownCloud und LimboMedia, erlauben nutzeranhängigen Zugriff auf freigegebene Server-Verzeichnisse.

Sharen – ownCloud bietet zahlreiche Features zum Sharen mit der Welt oder mit bestimmten Gruppen (z.B. Familie).

Kontakte, Aufgaben und Kalender – … synchronisiere ich mit meinen Android-Geräten ebenfalls per ownCloud. Mein Blackberry dito. Thunderbird und Outlook ebenfalls. Im Prinzip können ownCloud Adressbücher und Kalender von jedem Tool oder Gerät genutzt werden, das CalDav/CardDav oder Webdav kann … und das sind immer mehr.

Groupware – Das freie Group-Office war auch schnell installiert. Group-Office erlaubt virtuelles Zusammenarbeiten im Team, bietet ebenfalls Filesharing, Kalender und Kontakte in der eigenen Cloud, und lässt sich nahtlos mit ownCloud verbinden. Alternativ lohnt sich ein Blick auf Citadel.

Eigene Bookmarks und Notizen – … managed und synchronisiert ownCloud (oder LimboMedia, oder Group-Office).

Eigene Bilder und Fotos unterwegs dabei – … managed und synchronisiert ownCloud (oder LimboMedia). Geschossene Fotos kann ich direkt in ownCloud hochladen, d.h. sie liegen kurz danach schon bei mir zuhause.

Eigene Musik unterwegs dabei – … managed und synchronisiert ownCloud (oder LimboMedia).

Eigene Videos unterwegs dabei – … managed und synchronisiert ownCloud (oder LimboMedia).

FeedsTiny Tiny RSS (auf meinen Server) hat bei mir Feedly abgelöst. Funktioniert absolut super, ich kann meine RSS-Feeds filtern, bündeln, neue individuelle erzeugen, etc.pp. Und Apps für Android und Blackberry gibt es auch. Zusätzlich feeded ein kleines Script den Inhalt bestimmter Mailboxen als RSS in Tiny Tiny RSS.

Wiki – Mein eigenes Wiki managed das installierte MediaWiki.

Sicherung/Backup – Mein kleiner aber feiner Cloud-Server macht jeden Abend bei mir zuhause ein Backup aller Daten, Mails, Kontakte, Termine, Aufgaben, Fotos, Dateien, etc.pp. … nur für mich.

 

Summa summarum habe ich mittlerweile völlig stressfrei Gmail, Dropbox, Google Drive, Picasa und Feedly abgelöst. Ich genieße denselben bequemen Funktionsumfang, aber meine Daten gehören weiter mir und liegen nur auf meinem Rechner. Selbst zum Suchen verwende ich mittlerweile Google immer weniger. Stattdessen ixquick oder die anonymisierte Googledaten-Suche Startpage. So kann ich stolz sagen: „mission accomplished“, good-bye Google!

Paranoiker könnten nun – nicht ganz unberechtigt – einwenden, dass jetzt bei mir alle Daten schön nett und mir zuordenbar auf einem großen Haufen liegen. Während sich die bösen Buben vorher die Daten erst einmal aus verschiedenen Quellen zusammensuchen und mit mir verknüpfen mussten, liegt jetzt alles brav gebündelt auf dem Präsentierteller … sollten sie meinen kleinen Cloud-Server hacken.

Nun, dem sei dann so. Letztendlich gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Und auch bei verstreuten Diensten ist alles automatisch verknüpft, wenn man beispielsweise überall seinen Google- oder Facebook-Account verwendet, um sich anzumelden („ups!“). Es ist für mich außerdem noch etwas anderes, ob jemand bei mir einbricht und stielt, oder ob ich der Panzerknackerbande meine Wertsachen zu treuen Händen selber frei Haus liefere.

Ich stelle mir gar nicht mehr die Frage, ob man Goggle oder Facebook vertrauen kann. Ich gehe davon aus, dass das, was technisch möglich ist, früher oder später offiziell oder inoffiziell auch getan werden wird. Was hippe innovative US-Unternehmen von gesetzlichen Einschränkungen und Verbraucherschutz halten, kann man aktuell im Fall Uber ganz lebendig verfolgen.

Die einzige Lösung ist, bewusst und sorgfältig mit den eigenen Daten und Dateien umzugehen. Das kann mir niemand abnehmen, auch kein Gesetzgeber. Selbst auf meinen eigenen Cloud-Server lade ich keine sensiblen Daten oder Dateien. Und Daten, die ich nicht mehr brauche, verschiebe ich regelmäßig von dort in mein Archiv ohne Internetzugang.

Bequemlichkeit ist verführerisch und sehr gefährlich. Der Schutz der eigenen Selbstbestimmung, Datenhoheit und letztlich Freiheit wiederum verlangen einen gewissen Aufwand und Mühe. Und manchmal eben auch, auf Bequemlichkeit zu verzichten.

Ein echtes Dilemma!

 


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Fehlerkultur ist falsch

Gestern Abend hatte ich das Vergnügen, einen Vortrag von Gunter Dueck zu hören, vormals Chief Technology Officer bei IBM und selbstgewählter Querdenker. Sehr unterhaltsam, sehr zu empfehlen, falls Sie einmal die Möglichkeit haben sollten.

An einer Stelle hatte ich einen Aha-Effekt, den ich gerne teilen möchte. Gunter Dueck wurde gefragt, wie man denn seinen Mitarbeitern glaubhaft sagen kann, <sic!> „dass sie Fehler machen und auch einmal scheitern dürfen“. Seine Antwort mit meinen Worten ausgedrückt: die Frage ist schon falsch gestellt. Sprechen Sie überhaupt gar nicht von „Fehler machen“ und „Scheitern“, sondern von „Experimentieren“ und „aufhören, sollte es nicht funktionieren“.

Fehler, Scheitern, Missgriff, Fehltritt, Misserfolg, Misslingen, Fehlschlag, Versagen, das sind alles negative Begriffe, in Kategorien von Schwarz und Weiß, von richtig und falsch. Diese sind in einer Lernenden Organisation (sofern Sie eine solche wirklich haben wollen) fehl am Platz. Dabei geht es nicht um sprachliche Diplomatie oder Wattebäusch’chen-Kommunikation. Nein, es geht um meine innere Einstellung, dass ich sofort und grundsätzlich aufhöre, Nichtfunktionieren als Scheitern zu betrachten.

Wenn ich wirklich möchte, dass meine Mitarbeiter innovativ denken und handeln, neue Wege gehen, Neues ausprobieren, dann bedeutet das zwangsläufig, dass dies manchmal funktioniert … und manchmal eben nicht. Da ist das Eine nicht richtig und das Andere nicht falsch. Man probiert etwas aus. Wenn es tut, ist man einen Schritt weiter. Und wenn man merkt, dass es nicht so tut wie erwartet, dann hört man eben auf, lernt daraus, probiert etwas anderes und ist ebenfalls einen Schritt weiter. Beides ist gut. Das ist, was Gunter Dueck mit „Experimentieren“ bezeichnet.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ja, es gibt selbstverständlich auch echte Fehler. Das ist in Gunter Duecks Worten „fehlerhaftes Experimentieren“, also beispielsweise schlechte Planung, nachlässige Vorbereitung und Ignoranz gegenüber Tatsachen. In meinen Worten, vorhersehbares Scheitern durch Faulheit oder Dummheit. Das darf man meiner Meinung nach auch weiterhin deutlich als Fehler ansprechen und bezeichnen.

Aber nie, nie, nie … niemals(!) … darf ich ein Umfeld schaffen, in welchem experimentierende Mitarbeiter an dem Punkt, wo sie feststellen, dass es nicht funktioniert und sie aufhören sollten, weitermachen, um nicht zu „scheitern“. Das kann reines Bauchgefühl sein. Aber falls es existiert, ist es ein Gefühl, welches alleine Vorgesetzte und Management schaffen und erzeugen … oder eben – besser – nicht. Das liegt in Ihrer Hand und unter Ihrer vollen Kontrolle.

Fazit: Sagen Sie Ihren Mitarbeitern, dass die experimentieren sollen, und einfach aufhören, wenn etwas sich nicht so entwickelt, wie erwartet. Dass dies gut ist. Das ist echte Lernkultur, das bringt Weiterentwicklung, das ist besser als „Fehler“kultur … das ist Experimentierkultur.

 


 

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15 Minuten gegen Unpünktlichkeit

Ich habe in den letzten Jahren zahlreiche firmeninterne Onlinetrainings zu unterschiedlichsten Themen durchgeführt. In der Regel mit globalem Teilnehmerkreis und web-basiert (Livemeeting, Centra).

Eine besondere Herausforderung waren Teilnehmer, die – teilweise deutlich – zu spät in die Trainingssitzung kommen. Solche, die beispielweise so nach 10-15 Minuten mitten die Onlinesitzung bzw. Telefonkonferenz hineinstolpern und erst einmal technische Probleme mit ihrem PC gelöst haben wollen. Ich möchte der Vollständigkeit halber gerne erwähnen, dass es in den dem Training vorausgegangenen Wochen wiederholte Informationen zum technischen Setup, mit ausdrücklicher Bitte zum Vorab-Austesten inklusiv Individualsupport gegeben hatte. Dass solche Spezialisten auch bei den anderen Teilnehmern nicht zur Steigerung der Lebensfreude beitrugen, ist denke ich nachvollziehbar.

Natürlich waren die beschriebene Vorabinformationen auch ein gezielter Versuch, die Teilnehmer zu „erziehen“. Ähnlich wie ein erhoffter langfristige Lerneffekt durch konsequent pünktlichen Sitzungsbeginn. Doch das funktioniert – wenn überhaupt – nur, wenn man immer wieder dieselben Teilnehmer hat. Dies ist allerdings bei Onlinetrainings in einem Unternehmen mit weltweit mehreren zehntausenden von Angestellten eher seltener der Fall.

Ein vertracktes Problem. Aber warum eigentlich?

OK, irgendwie scheinen Onlinetrainings grundsätzlich weniger verbindlich empfunden zu werden als Präsenzveranstaltungen. Zumindest hatte ich immer wieder einmal den Eindruck. Darüber hinaus ist Pünktlichkeit meiner Meinung nach zu allererst eine persönliche Stärke oder Schwäche. Es gibt in jedem Kulturkreis Menschen, die pünktlicher sind als andere.

Und dennoch … es gibt im internationalen Vergleich der statistischen Pünktlichkeitsmittelwerte kulturelle Abhängigkeiten. Es wäre gelogen, wenn ich nicht offen sagen würde, dass Teilnehmer aus bestimmten Kulturkreisen deutlich öfter unpünktlich waren als andere. Auch bei der Länge des Zu-spät-kommens gab es definitiv Abhängigkeiten vom Herkunftsland.

Ich selber bin nun individuell durch einen mitteleuropäischen Wertekanon geprägt, in dem Pünktlichkeit eine Tugend ist, durchaus auch eine Frage ausgedrückten Respektes gegenüber dem Anderen. In anderen Teilen der Welt es das offensichtlich nicht so. Bitte nicht missverstehen. Ich werte nicht. Ich stelle nur fest. Und ich akzeptiere dies als gegebene Rahmenbedingung und Herausforderung für mich als Organisator und Durchführenden eines Onlinetrainings.

Die Schwierigkeit ist ja nicht nur, selber damit klar zu kommen, sondern man hat bei globalen Trainings oft auch eine durchmischte Teilnehmergruppe hinsichtlich der Pünktlichkeitsvorstellungen und -erwartungen. Da will man die Pünktlichen genauso wenig vor den Kopf stoßen wie andere kulturelle Eigenheiten. Ich bin hier ehrlich, das war das ein oder andere Mal mehr Eiertanz als echte multikulturelle Zusammenarbeit.

Doch ich habe eine relativ einfache Lösung gefunden. Seitdem ich alle Trainings pauschal um 15 Minuten vorverlegt und um einer virtuelle „Empfangsschleife“ verlängert habe, hat sich das Problem in der Praxis nahezu gelöst.

  1. Ich setze Trainings nicht mehr von 15:00 bis 16:00 (Beispiel) an, sondern von 14:45 bis 16:00.
  2. Ich selber bin spätestens um 14:45 präsent, und habe ausreichend Zeit, die Teilnehmer nacheinander zu begrüßen, und ggfls. bei technischen Problemen zu assistieren.
  3. Die Kollegen, welche ebenfalls pünktlich erscheinen, werden freundlich begrüßt und ich danke ausdrücklich für ihre Pünktlichkeit. Darüber hinaus informiere ich, dass wir noch 15 Minuten Vorlaufzeit haben zum „Einsammeln“ der Teilnehmer und zur Lösung eventueller technischer Probleme, und dass sie in dieser Zeit gerne noch parallel etwas anderes erledigen können. Ich denke, ausgedrückte Wertschätzung, Transparenz und proaktive Kommunikation sind hier wichtig.
  4. Falls es keine technischen Probleme gibt, nutze ich die Zeit, um im lockeren Gespräch mit den bereits Anwesenden herauszufinden, welche Erwartungen und Wünsche sie an das folgende Training haben. Dies kann ich dann flexibel einbauen bzw. berücksichtigen, und so insgesamt den Nutzwert der Trainingssitzung für die Teilnehmer erhöhen.
  5. Spätestens nach Ablauf der 15 Minuten (15:00 im Beispiel) beginne ich mit dem Training. Eventuell später eintrudelnde Störer werden parallel von mir mit einer Emailvorlage bedient, welche auf Supportkontakte hinweist und über Folgetermine informiert.
  6. Die Teilnahmedauer wird während der Trainingssitzung vom System erfasst, und bei unterschrittener Mindestteilnahmezeit wird kein Teilnahmeeintrag in der Trainingsrolle des LMS erzeugt bzw. kein Teilnahmezertifikat erstellt.

Seitdem ich diese zusätzlichen 15 Minuten am Anfang des Trainings eingeführt habe, gibt es keine nervigen Unterbrechungen und davon ausgelöste Überziehungen mehr. Ich kann meine Trainingsinhalte in der avisierten Zeit stressfrei durchführen. Und ich habe insgesamt das Gefühl, dass die Grundstimmung bei den Trainings entspannter und zufriedener ist, nicht nur für mich als Trainer sondern auch bei den Teilnehmern.

Letztendlich verbrate ich keine Lebensenergie mehr mit fehlgeleiteten Erziehungsexperimenten an Trainingsteilnehmern, sondern kann viel mehr das tun, was meine tatsächliche Aufgabe ist: Inhalte und themenbezogene Kompetenzen zu vermitteln.

Waisenknabe NSA oder die freiwillige Entblätterung

– Miniserie Datenschutz –

Die aufgeregte Diskussion über das Abschöpfen der weltweiten Internetkommunikation durch diverse Geheimdienste ignoriert, dass es ein viel größeres und gefährlicheres Datenleck gibt. Wir selber.

Schon Google und Facebook wissen heute wesentlich mehr über viele von uns als die NSA. Ganz ohne Ausspähung. Bereitwillig und fröhlich speisen wir selber jeden Tag die Datenbanken. Auf Basis der mittlerweile minütlich ge-share-ten und ge-like-ten Informationen und GPS-Positionsmeldungen, können Google, Facebook und Co. vom durchschnittlichen Benutzer heute schon ganz persönlich zugeordnet wissen …

  • wie Du aussiehst
  • wen Du kennst, und mit welchen dieser Du Dich besser verstehst (weil mehr kommunizierst)
  • was Du chattest und mailst, und welche Probleme Du hast
  • wo und was Du arbeitest
  • wo Du was und wann einkaufst
  • welche Bücher Du liest
  • welche politische Richtung Du bevorzugst
  • was Du am liebste isst
  • ob Du selber kochst oder öfter auswärts isst
  • wohin Du in den Urlaub fährst
  • welche Hobbies Du hast
  • wo Du gerade bist

Dagegen ist die NSA mit ihrem lächerlichen Metadaten-Sammeln ein Haufen von Waisenknaben und Stümpern.

Nein, die größte Gefahr für den Datenschutz ist nicht die NSA. Das sind wir selber.