Warum Joe Siemens nicht gut tun wird

„Namen sind Schall und Rauch.“ mag man flapsig für Dingen und Gegenständen sagen, wenn einem der richtige Begriff gerade einmal nicht einfallen will.

Namen von Menschen jedoch sind mehr als „Schall und Rauch“, sie sind im positivsten Sinne Wurzel und Identität.

Deswegen ist die Änderung des eigenen Namens immer ein großer, persönlicher Schritt. Und nicht ohne Grund machen Gesetzgeber und Verwaltungen diesen nicht leicht. Ich kenne Menschen, die aus guten Gründen den Aufwand auf sich nahmen, ihren Nachnamen ändern zu lassen (Anmerkung: die folgenden Beispiele sind abgeleitet und rein fiktiv). Beispielsweise von „Allesschitt“ zu „Allesschmitt“ … das ist nachvollziehbar denke ich. Oder wenn das mit US-Datenbanken inkompatible „Busen-s“ (ß) bei Vielreisenden für stetige, nervige Diskussionen bei der Ein- und Ausreise sorgt, wie bei „Jens Boß“ – O-Ton am Einreiseschalter: „Why is you name in the passport different from our ESTA file, Mr. Bob?“ – heute „Jens Boss“.

Jemand, bei dem ich es jedoch bisher leider nicht nachvollziehen kann, ist Siemens-Chef Joe Kaeser, vormals Josef Käser. Auch wenn die Kommunikationsabteilung des Unternehmens sehr offensiv das Bild verbreitet, wie verbunden Joe Kaeser seiner niederbayerischen Herkunft sei … es fühlt sich irgendwie nach unterwürfiger Anbiederung an anglo-amerikanische Gegebenheiten zum alleinigen Zweck der Förderung der eigenen Karriere an.

Das ist jetzt sehr hart formuliert, ich weiss. Aber läuft es nicht darauf hinaus? Falls meine Vermutung richtig ist, stellt sich doch zwangsläufig die Frage, wie gut einem Unternehmen eine Führungspersönlichkeit tut, die sogar ihren Namen zum persönlichen Vorteil instrumentalisiert?

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Starke Unternehmen wie Siemens brauchen integere Führer, um sich dauerhaft auf internationalen und umkämpften Märkten zu behaupten. Doch welche Integrität darf man von einem Manager erwarten, der noch nicht einmal zu seinem Namen steht? Selbstsicherheit und innere Stabilität drücken sich meiner Meinung nach anders aus.

Ich würde mich für Siemens freuen, wenn meine Vermutungen falsch sein sollten. Die gescheiterte Alstom-Übernahme könnte jedoch bereits ein erstes Anzeichen dafür sein, dass Joe Kaeser nicht gut für Siemens sein wird. Josef Käser wäre es vielleicht gewesen.

Advertisements

Süddeutsche: Setzen, 6!

Es ist das Jahr 4014.

Bei archäologische Forschungen im Norddeutsch-Polnischen Becken – etwa an der Stelle, wo sich die antike Stadt Berlin befand – wurden Reste von kurzen Lederhosen gefunden, wie sie ab der Mitte des 3. Jahrtausends n.Chr. als Einheitskleidung im ganzen Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands getragen wurden. Radiokarbon-Datierungen der Kleidungsreste datieren diese auf das Jahr 2400 n.Chr.. In tiefer liegenden (= älteren) Sedimentschichten wurden dagegen keine Lederhosenreste gefunden. Dies bedeutet, dass die Behauptungen altertümlicher Schriften, es hätte im Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands bereits zu Ende des 2. Jahrtausends n.Chr. lederhosentragende Eingeborene gegeben, widerlegt ist.

So, so. Richtiger Befund – falsche Schlussfolgerung. Wie wir heute noch wissen, werden gibt es „im Gebiet des frühzeitlichen Deutschlands“ durchaus „lederhosentragende Eingeborene“. Nur in Berlin wohl eher weniger. Kann ja noch werden …

Von der Fiktion zur Wirklichkeit. Ein sehr ähnliche Geschichte wurde vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

Unter der Überschrift „Bibel-Autoren erfanden Kamele“ gibt man sich populärer Bibelkritik hin. Anlass sind aktuelle Erkenntnisse israelischer Archäozoologen, nach denen es in der israelischen Arava-Senke erst ab ca. 300-400 v.Chr. Kamele gab. In der Bibel wird dagegen erzählt, dass der in Israel lebende Abraham bereits Kamele gehabt hätte (24. Kapitel des 1. Buch Mose, Vers 10). Da nach heutigem Stand  Abraham und seine Nachkommen zwischen 2000 und 1500 v.Chr. gelebt haben, also deutlich früher, muss die Erzählung der Bibel falsch sein, schlussfolgert die Süddeutsche.

Ist das so?

Großzügig ignoriert (oder eben erst gar nicht gesucht) wurden der Stand der Wissenschaft, dass Kamele spätestens seit 2600 v.Chr. in einem Gebiet von Ägypten bis zum heutigen Iran als Nutztiere bekannt und verbreitet waren. Also, es stimmt schon: in der Arava-Senke gab es wohl anscheinend keine gezähmten Kamele „im letzten Drittel des zehnten Jahrhunderts v.Chr.“. Genauso wenige wie es keine (oder nur vereinzelte) kurze Lederhosen in Berlin gibt. Woanders in Israel (Kamele) bzw. Deutschland (Lederhosen)  aber eben schon.

Außerdem – auch dies ignoriert oder nicht recherchiert – erläutert der biblische Bericht selber, dass Abraham seine Kamele gar nicht aus Israel hatte, sondern aus Persien einführte (12. Kapitel des 1. Buch Mose, Vers 5). Weitere Kamele bekam er in Ägypten geschenkt (12. Kapitel des 1. Mose, Vers 16). Hätte man einfach mal die ganze Story lesen sollen!

Nun ja, auch „Qualitätsjournalisten“ liegen mal daneben. Vor allem, wenn es eine schnelle Schlagzeile geht und man solide Hintergrundrecherche vernachlässigt.

„Süddeutsche: Setzen, 6!“

Warum sagt es ihm bloß keiner …?

post20141107Anmerkung vorweg. Wenn ich im folgenden von „ihm“ und „er“ rede, dann ist das im realen Leben leider sehr oft auch „sie“. Ich möchte jedoch im Interesse der Lesbarkeit auf hippes gender-mainstreaming verzichten. Ich bitte um großzügige Nachsichtigkeit.


switch to English versionIm Konzern ist ein neuer Bereichschef ist ernannt. Und dieser möchte sich und seine Pläne den Mitarbeitern in den Abteilungen und Unterabteilungen vorstellen. Das ist erst einmal ein legitimer Ansatz. Dazu veranstaltet er eine sogenannte „townhall“, das ist so … wie soll ich sagen … stimmungsmäßig eine Mischung aus kollektiver Selbstbeweihräucherung, „Tschakka“-Motivationstrainer-Show und Heizdeckenverkaufsveranstaltung. Eigentlicher Sinn ist, dass der neue Chef sich mit weniger Mitarbeitern einzeln beschäftigen muss. Stattdessen werden alle kollektiv auf einmal abgefrühstückt.

Aber ich schweife ab. Zurück zum Thema …

Also, besagter neuer Bereichsleiter steht nun vorne, vor – je nach Bereich – 300-400 Untergebenen  und spricht über seine Pläne. Er spricht darüber, dass in der Vergangenheit vieles schon ganz gut gemacht wurde, aber natürlich noch erheblicher Verbesserungs- und Optimierungsbedarf besteht. Er erklärt seinen Masterplan, der auf 5-6 Jahre angelegt ist, endlich alle Probleme des Bereiches lösen wird und die ultimative Lösung für eine blühende Zukunft des Unternehmens ist. Selbstredend ist eine grundlegende Umstrukturierung elementarer Bestandteil der neuen Strategie.

Es gibt nur ein Problem: Er ist bereits der 3. neue Bereichsleiter in 5 Jahren. Ein Großteil der Mitarbeiter, die da gerade sitzen, haben in den Vorjahren dieselbe Ansprache bereits wiederholt gehört. Das ist noch gar nicht im Langzeitgedächtnis angekommen, so frisch und präsent ist das noch. Und diese Mitarbeiter sitzen da, hören zu, und denken: „Erzähl Du nur! In maximal 2 Jahren bist Du eh wieder weg. Und dann kommt der Nächste, und erzählt erneut dasselbe, dass er weiß, wie es wirklich geht. Und der ganze große Masterplan wird Geschichte sein, wie all die anderen großen Masterpläne zuvor.“

Ergebnis: Eigentlich macht sich der neue Bereichsleiter bei der Veranstaltung gerade eben zum Narren.

Muss das sein? Warum hat ihn keiner entsprechend vorbereitet und gebrieft? Wer zum Henker coacht Mittelmanager eigentlich so dilettantisch? Das wirkt fast so, als würden alle in dieser Situation eine etablierte Checkliste abarbeiten … eine ziemlich dämliche zumindest.

Eine ehrliche und bodenständige Ansprache, die den Respekt und die Anerkennung der Mitarbeiter gewinnen würde, sähe wohl eher so aus:

„Hallo beisammen. Ich bin der neue Chef, und auch ich kann Wasser nicht in Wein verwandeln! Wir haben jetzt 2 Jahre zusammen, unter Umständen etwas weniger. Lasst uns in dieser Zeit zusammen das Beste daraus machen, so dass jeder von uns am Ende kleine aber feine Erfolge und Fortschritte vorweisen kann, und wir keinen unnötigen Kollateralschaden angerichtet haben.“

„Journalismus ist die Kunst der glaubhaften Inszenierung“

„Wahrheit ist ein überirdischer Anspruch. Ihn erfüllen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.“ (Stefan Aust)

„Um Wahrheit zu finden muss man lügen.“ (Bejamin Skinner)

„Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Journalisten ist, die Wirklichkeit abzubilden.“ (Clausius Seidl)

Was haben diese Zitate gemeinsam?

Nun, es sind alles Antworten von Profi-Journalisten, die über ihren Berufsalltag befragt wurden. Nachzulesen in „Echt Wahr! Wie Journalisten Wirklichkeit erzählen“.

„Echt Wahr!“ ist eine gebündelte Veröffentlichung verschiedener Interviews von Studenten der Hamburg Media School mit teilweise renommierten Journalisten. Die aufgezeichneten Gespräche sind ausgesprochen offen, ehrlich und authentisch, was wohl dem Silberrücken-Effekt zu verdanken sein dürfte. Sie zeigen, dass es auch das Bewusstsein um die eigene Subjektivität und – oft zwangsläufig – Parteilichkeit ist, das den wirklich guten Journalisten ausmacht.

Ich erlaube mir ein weiteres Zitat, diesmal von Ulf Grüner, dem Projektinitiator …

„Journalismus ist die Kunst der glaubhaften Inszenierung“

Als Buch ein tolles Ergebnis eines spannenden Studiengangprojektes. Bei Amazon als BoD erhältlich.

Warum ich Trapper schätze …

switch to English version… weil ich die positiven Eigenschaften schätze, für die Trapper stehen …

  • sie verwenden und teilen erfolgreich das Wissen aus mindestens zwei verschiedenen Welten
  • sie machen das beste aus knappen Ressourcen und Möglichkeiten
  • sie sind pragmatisch und können sich flexibel an wechselnde Bedingungen anpassen
  • sie sind Unternehmer, keine Manager
  • sie starten nur wohlbegründete Veränderungen
  • sie sind ausschliesslich aus guten Gründen „lean“
  • sie sind ergebnisorientiert
  • sie geben nicht leicht auf, wissen aber auch, wann es besser ist, aufzuhören … das persönliche Management ihrer Lebenskraft ist für sie essentiell
  • sie arbeiten unabhängig genauso erfolgreich wie als Teil eines Teams
  • sie lieben die Natur (OK, sie haben keine Wahl, nehmen wir es als romantisierende Grundannahme)
  • sie können ohne iPhone-App Feuer machen
  • sie können ohne Blackberry kommunizieren
  • sie schaffen es, über grössere Entfernungen mit Freunden in Kontakt zu bleiben … ohne Facebook
  • sie sind auf Optimismus angewiesen
  • und … für sie sind Ergebnisse wichtiger als gutes Aussehen. 😉

 

Presse-Amnäsie

Rückblende. Sommer 2009. Schweinegrippe-Hysterie in Deutschland. Die gesellschaftliche Atmosphäre der Angst vor dem neuen Virus fördert das Auslösen von Katastrophenplänen und die beginnende Vorratshaltung von Impfstoff für den medizinischen Ernstfall. Presse und Medien fördern die Panik durch übermässige Dominanz des Themas sowie durch Berichte, Politik und Behörden wären nicht ausreichend vorbereitet. Auch die bevorzugte Auswahl von Bedenkenträgern und worst-case-scenario-Propheten in der medialen Präsenz tut ihren Teil. Der Pharmaindustrie wird von Medien und Presse über Monate vorgeworfen, sie käme ihrer Verantwortung nicht nach, und würde nicht schnell genug einen Impfstoff entwickeln … später dann: nicht schnell genug ausreichende Mengen an Impfstoff produzieren … später dann: die von den Regierungen bestellten Mengen an Impfdosen nicht liefern zu können. Und dann ist da ja noch die Geschichte mit den 1. und 2. Klasse Impfstoffen (siehe anderer Blogpost). Die Angst- und Vorwurfsmaschine läuft mit Volldampf.

Heute. Sommer 2010. Zitat aus dem Spiegel: „Rund 30 Millionen ungenutzte Impfdosen gegen die Schweinegrippe gibt es noch in Deutschland. Nun ist die Seuche offiziell vorbei – und die Bundesländer befürchten, auf den Millionenkosten sitzenzubleiben.“ Zahlreiche Presseorgane werfen der Pharmaindustrie vor, sie hätte 2009 eine Hysterie verursacht, um den Ländern die riesigen Mengen an unnötigem Impfstoff aufdrängen zu können. Unterschwellig könnte man manchmal fast die Unterstellung heraushören, das Schweinegrippe-Virus könnte sogar von der Pharmaindustrie gezüchtet worden sein, um sich eine goldene Nase zu verdienen.

Was für eine unglaublich amnäsiale, betriebsblinde, unreflektierte und heuchlerische Sicht auf die Ereignisse! Der Verursacher spielt sich zum Ankläger auf.

OK, Presse und Medien waren sicher nicht die Verursacher der Schweinegrippe-Epidemie. Aber sie haben ihren Teil dazu getan zur Desinformation durch Überinformation, zur daraus resultierenden Atmosphäre aus Angst und Verunsicherung, zum Druck, der auf Politik und Behörden ausgeübt wurde, zur kollektiven gesellschaftlichen Panik. Nein, meiner Meinung nach wurden Presse und Medien im Rahmen der informativen Begleitung der Ereignisse weder in 2009 noch in 2010 ihrer Verantwortung gerecht. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

Und die Pharmaindustrie ist ein etablierter, verfügbarer Bösewicht. 2009 weil kein Impfstoff da war. 2010 weil Impfstoff da war. Nachdem der militärisch-industrielle Komplex des kalten Krieges irgendwann irgendwie verlustigt gegangen war, wurde das Feindbild mittlerweile ersetzt durch ein Triumvirat aus Katholische Kirche, Atomlobby und Pharmaindustrie. Einer von denen ist immer schuld! Stopp! Ich habe noch „die Besserverdienenden“ vergessen!

Morgen. Sommer 2011. Welcher Erreger wird es dann wohl sein, der Presse und Medien erneut in einen kollektiven Rausch versetzt und Hysterie schürt? Es bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen nicht irgendwann abstumpfen.

„Zweiklassenmedizin“ beim Schweinegrippe-Impfstoff

Und wieder wurde eine Sau durch Deutschland getrieben, oder besser gesagt ein Bock.

Habe gerade nochmal Pressemeldungen und -beiträge aus dem Oktober 2009 in der Hand. Bei den Schweinegrippeimpfstoffen sollte es angeblich eine Zweiklassenmedizin geben. Fakt war jedoch: alle vorhandenen Impfstoffe waren wirksam und verträglich. Fakt war auch: das für die Arzneimittelsicherheit in Deutschland zuständige Bundesinstitut hatte dies bestätigt und ausdrücklich betont. Alles, was dann sonst noch zu dem Thema kam, war eigentlich nur das Ausleben politischer Profilneurosen, hatte aber fast mehr journalistische Aufmerksamkeit und Präsenz als die Fakten.

Da war beispielsweise mal wieder Karl Lauterbach, der selbsternannte „SPD-Gesundheitsexperte“ (weiß die SPD das überhaupt?). Ein typischer politischer jack-out-of-the-box, ein Hinterbänkler, der bei bestimmten Triggerwörtern reflexartig vorspringt. Lauterbach fiel so einmal mehr auf als „Experte“ für alles-was-so-mit-Gesundheit-zu-tun-hat. Und seine wesentliche Qualifikation dafür scheint ein penetrantes sich selbst vor die Kamera schubsen zu sein. Und ins gleiche Bockshorn tutete „hallo-mich-gibt’s-auch-noch“ Jürgen Trittin, der sich selber mal schnell, bevor einer es merkte, mit einem verspäteten Sommerlochthema zum Quasi-Oppositionsführer ernannte.

Rückblickend hat sich der ganze Zirkus als echte Luftnummer erwiesen. Schade, dass die Herren Lauterbach und Trittin ihre politischen Profilneurosen auf dem Rücken der Bevölkerung austragen und diese unnötig verunsichern mussten. Schade, dass dies bei Medien und Presse mehr Aufmerksamkeit und Inhalte erzeugte als objektive Fakten. Selber schuld, wer sich davon ins Bockshorn jagen lies.