15 Minuten gegen Unpünktlichkeit

Ich habe in den letzten Jahren zahlreiche firmeninterne Onlinetrainings zu unterschiedlichsten Themen durchgeführt. In der Regel mit globalem Teilnehmerkreis und web-basiert (Livemeeting, Centra).

Eine besondere Herausforderung waren Teilnehmer, die – teilweise deutlich – zu spät in die Trainingssitzung kommen. Solche, die beispielweise so nach 10-15 Minuten mitten die Onlinesitzung bzw. Telefonkonferenz hineinstolpern und erst einmal technische Probleme mit ihrem PC gelöst haben wollen. Ich möchte der Vollständigkeit halber gerne erwähnen, dass es in den dem Training vorausgegangenen Wochen wiederholte Informationen zum technischen Setup, mit ausdrücklicher Bitte zum Vorab-Austesten inklusiv Individualsupport gegeben hatte. Dass solche Spezialisten auch bei den anderen Teilnehmern nicht zur Steigerung der Lebensfreude beitrugen, ist denke ich nachvollziehbar.

Natürlich waren die beschriebene Vorabinformationen auch ein gezielter Versuch, die Teilnehmer zu „erziehen“. Ähnlich wie ein erhoffter langfristige Lerneffekt durch konsequent pünktlichen Sitzungsbeginn. Doch das funktioniert – wenn überhaupt – nur, wenn man immer wieder dieselben Teilnehmer hat. Dies ist allerdings bei Onlinetrainings in einem Unternehmen mit weltweit mehreren zehntausenden von Angestellten eher seltener der Fall.

Ein vertracktes Problem. Aber warum eigentlich?

OK, irgendwie scheinen Onlinetrainings grundsätzlich weniger verbindlich empfunden zu werden als Präsenzveranstaltungen. Zumindest hatte ich immer wieder einmal den Eindruck. Darüber hinaus ist Pünktlichkeit meiner Meinung nach zu allererst eine persönliche Stärke oder Schwäche. Es gibt in jedem Kulturkreis Menschen, die pünktlicher sind als andere.

Und dennoch … es gibt im internationalen Vergleich der statistischen Pünktlichkeitsmittelwerte kulturelle Abhängigkeiten. Es wäre gelogen, wenn ich nicht offen sagen würde, dass Teilnehmer aus bestimmten Kulturkreisen deutlich öfter unpünktlich waren als andere. Auch bei der Länge des Zu-spät-kommens gab es definitiv Abhängigkeiten vom Herkunftsland.

Ich selber bin nun individuell durch einen mitteleuropäischen Wertekanon geprägt, in dem Pünktlichkeit eine Tugend ist, durchaus auch eine Frage ausgedrückten Respektes gegenüber dem Anderen. In anderen Teilen der Welt es das offensichtlich nicht so. Bitte nicht missverstehen. Ich werte nicht. Ich stelle nur fest. Und ich akzeptiere dies als gegebene Rahmenbedingung und Herausforderung für mich als Organisator und Durchführenden eines Onlinetrainings.

Die Schwierigkeit ist ja nicht nur, selber damit klar zu kommen, sondern man hat bei globalen Trainings oft auch eine durchmischte Teilnehmergruppe hinsichtlich der Pünktlichkeitsvorstellungen und -erwartungen. Da will man die Pünktlichen genauso wenig vor den Kopf stoßen wie andere kulturelle Eigenheiten. Ich bin hier ehrlich, das war das ein oder andere Mal mehr Eiertanz als echte multikulturelle Zusammenarbeit.

Doch ich habe eine relativ einfache Lösung gefunden. Seitdem ich alle Trainings pauschal um 15 Minuten vorverlegt und um einer virtuelle „Empfangsschleife“ verlängert habe, hat sich das Problem in der Praxis nahezu gelöst.

  1. Ich setze Trainings nicht mehr von 15:00 bis 16:00 (Beispiel) an, sondern von 14:45 bis 16:00.
  2. Ich selber bin spätestens um 14:45 präsent, und habe ausreichend Zeit, die Teilnehmer nacheinander zu begrüßen, und ggfls. bei technischen Problemen zu assistieren.
  3. Die Kollegen, welche ebenfalls pünktlich erscheinen, werden freundlich begrüßt und ich danke ausdrücklich für ihre Pünktlichkeit. Darüber hinaus informiere ich, dass wir noch 15 Minuten Vorlaufzeit haben zum „Einsammeln“ der Teilnehmer und zur Lösung eventueller technischer Probleme, und dass sie in dieser Zeit gerne noch parallel etwas anderes erledigen können. Ich denke, ausgedrückte Wertschätzung, Transparenz und proaktive Kommunikation sind hier wichtig.
  4. Falls es keine technischen Probleme gibt, nutze ich die Zeit, um im lockeren Gespräch mit den bereits Anwesenden herauszufinden, welche Erwartungen und Wünsche sie an das folgende Training haben. Dies kann ich dann flexibel einbauen bzw. berücksichtigen, und so insgesamt den Nutzwert der Trainingssitzung für die Teilnehmer erhöhen.
  5. Spätestens nach Ablauf der 15 Minuten (15:00 im Beispiel) beginne ich mit dem Training. Eventuell später eintrudelnde Störer werden parallel von mir mit einer Emailvorlage bedient, welche auf Supportkontakte hinweist und über Folgetermine informiert.
  6. Die Teilnahmedauer wird während der Trainingssitzung vom System erfasst, und bei unterschrittener Mindestteilnahmezeit wird kein Teilnahmeeintrag in der Trainingsrolle des LMS erzeugt bzw. kein Teilnahmezertifikat erstellt.

Seitdem ich diese zusätzlichen 15 Minuten am Anfang des Trainings eingeführt habe, gibt es keine nervigen Unterbrechungen und davon ausgelöste Überziehungen mehr. Ich kann meine Trainingsinhalte in der avisierten Zeit stressfrei durchführen. Und ich habe insgesamt das Gefühl, dass die Grundstimmung bei den Trainings entspannter und zufriedener ist, nicht nur für mich als Trainer sondern auch bei den Teilnehmern.

Letztendlich verbrate ich keine Lebensenergie mehr mit fehlgeleiteten Erziehungsexperimenten an Trainingsteilnehmern, sondern kann viel mehr das tun, was meine tatsächliche Aufgabe ist: Inhalte und themenbezogene Kompetenzen zu vermitteln.

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Gute Schüler wenden sich ab

In seiner heutigen Kolumne in der Welt schreibt Sebastian Turner, Initiator der Falling Walls Conference (Zitat: „leading thinkers at the intellectual frontier“), über den Fachkräftemangel in Deutschland. Dabei erwähnt er Studien des Erziehungswissenschaftlers Manfred Prenzel von der Technischen Universität München.

Manfred Prenzel untersuchte das deutsche Schulsystem und ermittelte dabei, dass bei 42% der untersuchten Schüler nach einem Jahr keine wesentlichen Lernfortschritte  festzustellen waren. Ihr Kenntnisstand war nahezu derselbe wie zwölf Monate zuvor.

Manfred Prenzel bohrte nach und fand bei Schülern des Faches Physik noch Unerfreulicheres. Ausgerechnet die Schüler, die während eines Jahres nennenswerte Lernfortschritte gezeigt hatten, verloren unerwarteterweise und deutlich das Interesse. Oder mit anderen Worten, die Physikschüler, die am meisten gelernt hatten, wollten anschliessend am wenigsten davon wissen. Ausgerechnet die guten Schüler wendeten sich ab! Man wäre versucht zu sagen, dass je mehr Wissen die Schüler eingehämmert bekamen, desto mehr Interesse wurde dabei ausgetrieben.

Aber warum? Die Wissenschaftler analysierten Videoaufnahmen vom Unterricht und entdeckten schliesslich, dass die Lehrer nahezu nie darüber gesprochen hatten, warum etwas gelernt werden soll. Gute Schüler lernten trotzdem … aber nur solange, wie sie mussten. Sobald sie die Schule verließen, entfiel der Motivationsgrund, das Interesse war nie wirklich geweckt worden (unter Umständen eher abgetötet), schlussendlich ein bedauerlich zuverlässiger Beitrag zum Fachkräftemangel (hier: Physiker, Ingenieure).

Wir sollten die austrocknenden Pipelines für junge Fachkräfte in einigen Industrien als Weckruf begreifen, weniger „Dressur“ zu betreiben und mehr echtes Interesse zu wecken. Interesse ist das Grundprinzip von Wissen, ein effektiver Motivator und Antreiber zum Wissen.

Originalbeitrag von Sebastian Turner in der Tageszeitung „Die Welt“

Blog der Falling Walls Conference

Homepage von Manfred Prenzel an der Technischen Universität München

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Aufspringen auf den Tenure Track

Interview mit Prof. Dr. Gottfried Schatz, Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates, durchgeführt 2002

Dr. Schatz kritisiert offensiv, dass die Systeme der universitären Ausbildung und Forschungsfinanzierung in den europäischen Staaten die Entwicklung wissenschaftlicher Spitzenqualität (excellence) hemmen. Aus seiner Sicht werden Forschungsgelder nach dem Gießkannenprinzip zu breit verteilt, statt gezielt zu fördern. Auch akademische Dauerstellen und die starren universitären Hierarchiestrukturen in Europa sind ihm ein Dorn im Auge. Dr. Schatz ist ein begeisterter Befürworter der Einführung eines tenure track Systems an europäischen Universitäten, und erwartet davon eine höhere Flexibilität für Wissenschaft und Ausbildung genauso wie klarere Zukunftsperspektiven und bessere Chancen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler.

Ich hatte die Gelegenheit, Dr. Schatz im Anschluss an die Handelsblatt-Tagung „Trends in Biotechnology“ (Wien, November 2002) zu interviewen, bei der er einen Vortrag zum Thema Europäische Barrieren in der Forschung gehalten hatte:

Herr Dr. Schatz. Sie rütteln an den Pfeilern des akademischen Systems, wie es in vielen zentraleuropäischen Ländern festgefahren ist. Sie mahnen strukturelle Änderungen genauso an wie ein neues Denken in der Nachwuchsförderung.

Welches Feedback bekommen Sie von Ihren Kollegen und aus der Industrie auf Ihre Vorschläge? Wie werden Ihre Kritikpunkte aufgenommen?

Die Unterstützung von außeruniversitären Kreisen ist fast ausschließlich sehr positiv und ohne Vorbehalte. Die Unterstützung von universitären Kreisen ist erstaunlich durchwachsen. Meine Professorenkollegen in den Naturwissenschaften, vor allem in den biologischen Wissenschaften, sind überwiegend positiv gestimmt. Mehr konservativere Disziplinen, ich denke jetzt vor allem an gewisse Kreise in der Chemie und der Mathematik, sind eher zurückhaltend. Und die Vertreter der Geisteswissenschaften und der Medizin sind fast ausschließlich ablehnend.

Wie erklären Sie sich diese Unterschiede zwischen den Disziplinen?

Es hat sich leider gezeigt, dass diese verschiedenen Kulturen – wie man sie genannt hat – sehr weit, viel zu weit auseinander gedriftet sind. Sie sehen sich auch gar nicht mehr als Teil eines einheitlichen Wissenschaftsbereiches. Vertreter der Geisteswissenschaften betonen immer wieder, dass ihre Methoden anders wären, dass sie die Vielfalt in Form kleiner Institute brauchen und dass beispielsweise ein tenure track System – wie ich es vorschlug – zu viel über einen Kamm scheren und dadurch diese Vielfalt gefährden könnte.

Das ist darin begründet, dass die Strukturen in denen diese geisteswissenschaftlichen Fächer heute weitgehend arbeiten, so stark aufgesplittet sind, dass sie oft aus kleinen Königreichen bestehen, die untereinander relativ wenig Kontakt haben. Dies ist nicht nur für die Forschung eine Katastrophe sondern vor allem für die Ausbildung junger Wissenschaftler, die als Konsequenz viel zu eng ist. Und die Studenten kommen in der Zeit ihrer Dissertation, die bis zu 8 Jahren dauern kann, oft nur mit einer einzigen Bezugsperson in Berührung. Vor 100 Jahren galt, dass die Naturwissenschaften spezialisiert und die Geisteswissenschaften breit angelegt waren. Das hat sich heute genau umgekehrt.

Werden sich die Disziplinen erwartungsgemäß voneinander emanzipieren? Welche Chancen für Veränderungen sehen Sie?

Praktisch könnte man damit beginnen, größere Strukturen zu bilden, zunächst zum Zweck der Lehre. Denn hier ist der Bedarf nach breiteren und intellektuell variierteren Angeboten unangefochten. Das Instrument, welches wir hier in der Schweiz vorschlugen, sind die Graduiertenkollegs – wie beispielsweise in Deutschland – in denen Gruppen von Doktoranden von Gruppen von Professorinnen und Professoren betreut werden. So hat jeder Promotionsstudent mindestens 2 bis 3 professorale Bezugspersonen, und interagiert gleichzeitig mit anderen Doktoranden. Das hat verschiedene Vorteile: Verringerung der Dissertationszeit, Verbreiterung der Ausbildung, eine fairere Behandlung von Studenten und ein viel größeres, interessanteres Umfeld. Gleichzeitig wird das die Universitäten zwingen, über größere Verbände nachzudenken, zum Beispiel Abteilungen für Kulturwissenschaften, in denen dann eine Förderung junger Menschen viel objektiver und breiter angelegt werden kann als an einem Institut, das aus einem Professor und einem Assistenten besteht.

Wenn ich jetzt an einen jungen, engagierten, motivierten, auch exzellenten Forscher in Europa denke – vielleicht Anfang 30, promoviert – welche elementarsten Barrieren hat er momentan zu überwinden?

Wenn diese junge Person in den Naturwissenschaften arbeitet, stößt sie in den ersten Jahren nach der Dissertation zunächst nur auf wenige Barrieren. Es gibt genügend Geld für postdoktorale Studien in der ganzen Welt. Und es besteht heute ein Mangel an PostDocs. Wenn also diese Person von einem guten Ausbildungsort kommt, hat sie sehr gute Chancen, sich ein gutes Labor auswählen zu können und dort 2-3 Jahre auf einer – zwar nicht großartig, aber doch bezahlten – Stelle zu forschen. Das Problem beginnt nachher, wenn es darum geht, eine unabhängige Stelle mit einer längerfristigen Perspektive zu finden. Und da bietet Europa unseren jungen Menschen nur sehr wenig. Es herrschen hier sehr verworrene Systeme, zum Teil feudalistische, zum Teil auch unfaire Strukturen, die den jungen Leuten oft nur Stellen mit wissenschaftlicher Abhängigkeit von einem Professor anbieten. So kommt es, dass sehr viele dieser junge Forscher nach oft sehr erfolgreichen Jahren im Ausland zurückkommen und hier verkümmern.

Was fehlt sind konkrete Arbeitsmöglichkeiten, die es Nachwuchswissenschaftlern erlauben, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen. Und hier müsste ich den meisten jungen Menschen raten, lieber in die USA zu gehen, als sich mit einer schlechten Stelle in Europa zufrieden zu geben und dann die Chance für das ganze Leben zu verpassen.

Ich spinne meine Geschichte mal weiter und stelle mir vor, dass der schon erwähnte junge Wissenschaftler sich an einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens entscheidet, den akademischen Bereich zu verlassen, um eine Tätigkeit in der Industrie anzustreben – in welcher Form auch immer. Er steht dann eines Tages vor Riesenhürden, wenn er seinen Weg wieder mehr zur Akademie ausrichten möchten. Er hat dann im Prinzip keine Chance, was ich ein Stück weit bedauere, weil das natürlich auch so eine Art Erfahrungsreflux sein könnte, in die Universität von der Industrie. Denken Sie, dass dies einfach systemimmanent ist und dass man damit leben muss?

Auf keinen Fall dürfen wir diese Inflexibilität akzeptieren. Wissenschaftler müssen hin und her wechseln können, und je durchlässiger das System ist, desto besser. Es wäre relativ leicht, die Barrieren oder Hürden zwischen Industrie und dem akademischen Bereich abzubauen, wenn man ein vernünftiges, logisch aufgebautes akademisches Nachwuchsförderungssystem hätte. Das hat man aber nicht, und deswegen ist jeder Fall ein Einzelfall, der neu durchgekämpft werden muss.

Bei tenure track dagegen ist es ohne weiteres möglich – im Gegensatz zu dem allzu starren System der deutschen Juniorprofessur – von der Industrie wieder zurückzuwechseln und eine verkürzte Evaluation für tenure zu haben. Gewöhnlich ist die Probezeit für tenure 5-7 Jahre. Ein in der Pharmaindustrie erfolgreich gewesener Forscher, der an die Uni zurück will, könnte ein Angebot bekommen, dass er oder sie und bereits nach 2 Jahren evaluiert wird.

Reicht ihnen – auch unter diesem Gesichtspunkt – das was momentan an Kooperationen und Zusammenarbeit zwischen Akademie und Industrie stattfindet? Oder anders gefragt: was könnten Industrie und Akademie zusammen noch mehr leisten um die Rahmenbedingungen zu verbessern?

Die Barrieren sind stärker auf Seiten der Universitäten als auf Seiten der Industrie. Die Universitäten sollten einfach ihre Förderungsstrukturen flexibler und transparenter machen. Dann hätten wir Dreiviertel des Problems gelöst.

Ich möchte nun gerne einen thematischen Sprung wagen. Sie haben in ihrem Vortrag in Wien sehr viel gesprochen über die „excellence“. Sie bemängeln, dass gerade für die Kollegen, die außergewöhnliches leisten, nicht genug Förderung und Unterstützung stattfindet, zum Beispiel weil Forschungsgelder zu breit gestreut und nicht vernünftig kanalisiert werden. Mit welchen Instrumenten könnten Wissenschaft, Politik und Industrie „excellence“ fördern?

Ich glaube, hier müssen sich alle Akteure unseres Wissenschaftssystems an die Nase fassen und klare Prinzipien aufstellen. Innovation funktioniert nur, wenn die hierarchischen Strukturen möglichst flach sind, und nur Können zählt und nicht Alter oder Seniorität. Die offizielle Förderung sollte bewusst auf Spitzenqualität und – ich sage das Wort ganz offen – elitär ausgerichtet sein. Bei Geldknappheit sollten beispielsweise nicht die üblichen prozentualen Kürzungen quer durch die Bank gemacht werden, sondern auch dann den Besten immer noch ausreichend Geld gegeben werden, selbst wenn dadurch das Mittelmass wenig oder gar nichts bekommt. Und das erfordert sehr großen politischen Mut.

Ich bewundere, dass Sie diese Dinge so offen aussprechen.  Sie kritisieren ja durchaus ideologisch geprägte Sozialdogmen der Universitätsausbildung Und ich könnte mir gut vorstellen, dass andere für solche Äußerungen wahrscheinlich gesteinigt werden würden.

Das wäre ein würdiger Märtyrertod. Ich glaube wir haben versäumt, der Öffentlichkeit zu erklären, wie Forschung funktioniert. Demokratie ist auch in der Wissenschaft extrem wichtig. Flache Hierarchien sind ein wichtiges Prinzip demokratischer Wissenschaft. Aber Demokratie garantiert weder gleiches Talent noch gleichen Erfolg, sondern nur gleiche Chancen. Und Demokratie ist eben nicht Gleichmacherei, sondern muss die gerechte Förderung aller Begabten ermöglichen. Im Interesse des Gesamtwohls muss die Innovation dadurch gefördert werden, dass die, welche Innovation bringen können, die nötigen Mittel dafür bekommen. Und ich glaube, das lässt sich – auch gegenüber Fundamentalisten – leicht erklären und wird auch meistens von der Politik akzeptiert.

Wie kann diese Excellence evaluiert werden?

Da gibt es leider Gottes kein perfektes System. Das was noch am wenigsten schlecht funktioniert, ist die breit abgestützte, internationale Evaluation durch ‚Peers’. Diese hat allerdings den Nachteil krasser Fehlevaluationen, wenn die Evaluierten origineller als die ‚Peers’ sind. Das kommt aber nicht oft vor. Im Großen und Ganzen funktioniert das System gut, vor allem, wenn die Forschungsförderung inklusive Evaluation nicht nur einer einzigen Organisation anvertraut wird. Es ist deshalb wichtig – und das finde ich in Deutschland ausgezeichnet, in der Schweiz schlecht – dass es unterschiedliche Förderungsinstrumente gibt. Wenn also eine Forscherin bei der DFG zu unrecht schlecht evaluiert wird, kann sie immer noch zur Volkswagenstiftung oder zur BFD gehen und dort Gelder finden. Und das ist wichtig.

Die Forschungsförderungsorganisationen eines Landes sollten miteinander konkurrieren. Wir in Europa setzen zu sehr auf Koordination und Kooperation. Ich glaube, ein Schuss mehr Konkurrenz auf allen Gebieten, auch in der Forschungsförderung, täte unserer Innovation außerordentlich gut.

Wobei ich mich noch leicht damit tun würde, dies innerhalb einer Nation für umsetzbar zu halten, ich aber ganz ehrlich und offen bezweifle, dass dies auf der europäischen Ebene funktionieren würde, wenn  ich an  Tendenzen nationalstaatlichen Protektionismus’ denke.

Das ist tatsächlich eine Gefahr. Aber wenn das Evaluationsgremium selbst international ist, kann man dem relativ gut gegensteuern. Und tatsächlich funktioniert schon jetzt eine Konkurrenz auf europäischem Niveau. Denn ein Biologe kann Gelder bei der Human Frontier Science Organization beantragen, oder bei der European Molecular Biology Organization, oder über ein EU-Framework Programm. In der Biologie gibt es also diese Konkurrenz  schon. Und es hat sich gezeigt, dass die verschiedenen Zusprachen verschiedenes Prestige haben. Eine Geldzusprache von der EMBO oder von Human Frontier zählt mehr als eine von den Framework Programmen.

Lassen sie mich hier nochmals auf die akademische Nachwuchsförderung zurückkommen. Was mich besonders gewundert und auch letztlich enttäuscht hat, war die sehr zurückhaltende Reaktion vieler jungen Forscher gegenüber neuen Konzepten der Nachwuchsförderung. Es ist durchaus verständlich, dass man Neuem etwas abwartend gegenüber steht. Aber einer der Haupteinwände ist: was passiert mit denen, die den tenure nicht schaffen? Es ist für unsere europäische Kultur schwer zu akzeptieren, dass jede positive Selektion auch eine negative Auswahl mit sich bringt. Aber die Vorstellung, dass jeder das Recht hat, an einer Uni zu bleiben, ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel.

Mit kommt bei dieser Argumentation spontan die Frage, wem nutzt es wirklich, so viele Menschen wie möglich solange wie möglich im universitären System zu halten? Und ich bin der Meinung, dass man den jungen Wissenschaftlern gegenüber doch auch einfach unehrlich ist. Man schleppt sie mit über die PostDoc-Zeit, aber die Selektion findet ja irgendwann statt. Also spätestens an dem Punkt wenn es um die begehrte Arbeitsgruppenleiter-Stelle geht. Und vielleicht müssen wir da auch einen Weg finden, frühzeitiger ehrlicher und offener zu sagen: pass auf, überleg es Dir, ob das wirklich der richtige Weg für Dich ist, oder ob Du Deine Begabungen nicht tatsächlich in einem anderen Bereich hast?

Genau das würde das tenure track system schaffen, weil es eine Evaluation gleich an den Anfang setzt und eine zweite dann nach 5 bis 6 Jahren. Und wenn einer diese beiden Hürden geschafft hat, sind die Chancen gut, dass dies jemand ist, die den richtigen Weg gewählt hat. Die Gefahr ist – wie sie richtig sagen – dass viel zu spät evaluiert wird. Dann leidet nicht nur die betroffene Person, sondern auch die Studenten zu deren Lehre diese Person angestellt worden ist.

Es ist also sehr wichtig, dass unser Mittelbau das ständestaatliche  Denken aufgibt. Und gerade in Deutschland, aber auch in Österreich, nicht so sehr in der Schweiz, ist das eines der schwierigsten Probleme der Universitäten. Denn wenn man den jungen Forschenden mehr Rechte geben will, dann gibt man diese Rechte derzeit in die Hände einer Generation, die um die 40 und zum Teil viel reaktionärer als die Professoren ist. Und das ist das Dilemma jedes Versuches, die Universitäten zu reformieren. Dieser Mittelbau ist in das Universitätssystem ohne Qualitätskontrolle reingesickert und hat oft an Forschung weder viel Interesse noch das dafür notwendige Talent.

Schließlich gehört zu einer Verbesserung der Situation auch einer der wirksamsten Mechanismen der Nachwuchsförderung: Frühpensionierungen von Professoren. In den USA ist man genau in die entgegengesetzte Richtung gegangen und lässt jeden bleiben solange er oder sie will. Dies finde ich für das System schädlich und ethisch nicht akzeptabel.

Welches Land in Europa ist aus ihrer Sicht bezüglich der Forschungs- und Nachwuchsförderung das innovativste?

In der Forschungsförderung sind die skandinavischen Länder, die Niederlande und auch die Schweiz sehr gut … mit einigem Abstand gefolgt von Deutschland. In der Nachwuchsförderung kenne ich kein europäisches Land, dem ich eine genügende Note gäbe.

Herr Dr. Schatz, ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

Prof. Dr. Gottfried Schatz studierte Chemie in Graz, und wechselte nach seiner Promotion an die Biochemie der Universität Wien. Dort widmete er sich der Erforschung der Biogenese von Mitochondrien, und gilt seitdem als der Entdecker der mitochondrialen DNS. Von 1964 bis 1966 arbeitete er als PostDoc mit Efraim Racker am Public Health Research Institute der Stadt New York über oxidative Phoyphorylierung. 1968 ging er für weitere 6 Jahre als Professor an die Biochemieabteilung der Cornell University in Ithaca (USA), um schließlich zum neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu wechseln, wo er bis vor 3 Jahren mit seiner Gruppe die Mechanismen des Proteintransportes in die Mitochondrien untersuchte. Dr. Schatz ist Mitglied der National Academy of Sciences der USA, der Royal Swedish Society, und der Niederländischen Academy of Sciences. Unter anderem ehrte man ihn mit dem Louis Jeantet Preis, dem Marcel Benoist Preis, dem Gairdner Award, der Krebs-Medaille, der Warburg-Medaille und der E.B. Wilson-Medaille. Dr. Schatz war Generalsekretär der European Molecular Biology Organization (EMBO). Momentan ist er Präsident des Wissenschaftsrates des Institut Curie, wissenschaftlicher Berater des Institut Parsteur sowie seit 2000 Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates.

Erstveröffentlicht im März 2003 durch Laborjournal.