Kontrolliert Google bereits Ihr Business?

switch to English versionKnowledge Review von „Relevance ranking on Google – Are top ranked results really considered more relevant by the users?“ von Nadjla Hariri in Online Information Review 2011 35 (4), pp. 598-610.

(Onlinezugang setzt Subskription voraus)

Sie wären überrascht (und schockiert) darüber, wie oft Google als wesentliche oder sogar alleinige Informationsquelle im Businessalltag verwendet wird. Im schlimmsten Fall selbst für strategische oder geschäftskritische Entscheidungen. Und viele sind absolut davon überzeugt, Google würde ihre Bedürfnisse mehr als ausreichend befriedigen. Das Problem ist allerdings, dass man nie weiss, was man nicht weiss.

OK … kein „Google-bashing“ … Google ist nicht schlecht. Vorausgesetzt man behält immer im Hinterkopf, womit man arbeitet, und setzt es dementsprechend richtig ein. Google suggeriert, eine Antwort zu geben. Aber tatsächlich tut es das nicht. Google stellt nur eine Liste mit Quellen (=Webseiten) zur Verfügung, auf denen die richtige Antwort stehen könnte.

Dabei gibt es eine fundamentale Einschränkung bei den Google Ergebnissen: deren Reihenfolge, und damit die unterschwellige Bewertung als mehr (weit oben auf der Liste) oder weniger wichtig (weiter unten auf der Liste). Doch die Treffer weiter oben auf der Rangliste bieten keinesfalls zwangsläufig eine zuverlässige Antwort, noch zwangsläufig eine umfassende Antwort, noch zwangsläufig überhaupt die richtige Antwort. Die Webseite mit der besten Antwort (bzw. überhaupt der richtigen) kann auf Seite 4 oder Seite 11 der Ergebnisse versteckt sein. Aber – seien wir ehrlich miteinander – Google-Nutzer gehen sehr oft nicht über Seite 1 oder 2 der Trefferliste hinaus. Oder wie ist das bei Ihnen?

Das ist auch an sich kein Problem, wenn man – sagen wir mal – den nächsten Kinobesuch mit seiner Partnerin plant, oder die Karte des Zoos sucht, oder das tatsächliche Alter von Lady Gaga wissen möchte. Aber es ist potenziell geschäftsschädigend und gefährdet das Unternehmen, wenn Entscheidungen auf den Ergebnissen oberflächlicher Google-Suchen basieren. Sie geben dann die Verantwortung für Ihr geschäftliches und unternehmerisches Handeln ab … an einen verfälschenden Bewertungsalgorithmus, der ausserhalb Ihrer Kontrolle ist.

Nun gut, das grundsätzliche Problem und die potenzielle Gefahr sind lange bekannt. Aber manchmal unterliegen Menschen der Versuchung, dies unterzuberwerten oder zu ignorieren. Beispielsweise infolge einer grundsätzlichen Tendenz, Zeitdruck nachzugeben, Dinge zu stark zu vereinfachen und pauschalisieren, oder schnelle Antworten fundierten vorzuziehen. Aber nun wurde die Problematik erneut durch harte Fakten belegt. Eine aktuelle Studie von Nadja Hariri über den patentierten Google PageRank Mechanismus ergab …

  • Dokumente, die von Nutzern als die wichtigsten („most relevant“) bewertet wurden, lagen an Positionen 5 (höchster Wert), 1, 2, 18, 20, und 36 – trauen Sie also nicht der Reihenfolge
  • die durchschnittlichen Werte der Google-Trefferlisten-Seiten 1-4 für die Präzision (bezüglich der wichtigsten Dokument) lagen mit 38,82% bis 31,18% alle relativ nahe beieinander – ignorieren Sie also niemals Treffer, die weiter unten auf der Liste stehen
  • alles in allem war die Korrelation zwischen der Bewertung der Nutzer und der von Google durchgehend eher niedrig
  • „es ist für Benutzer von Suchmaschinen, besonders Google, besser, mindestens drei oder vier Seiten der Trefferlisten durchzuschauen“ (übersetzt aus dem Englischen)

Hariris Schlussfolgerung: „Benutzer bewerten gefundene Information auf solch subjektive Weise, dass die Bewertung der Suchmaschine gar nicht in völliger Übereinstimmung mit diesen Relevanz-Auffassungen sein kann“ (übersetzt aus dem Englischen). Suchmaschinen sind einfach noch sehr weit davon entfernt, menschliche Gehirne adäquat ersetzen zu können. Obwohl mehr als ein Jahrzehnt vergangenen ist, schliesst Hariri sich immer noch Hawking et al. (1999) an, die feststellten, dass „der Standard des von öffentlichen Web-Suchmaschinen produzierten Dokumenten-Rankings ganz und gar nicht Stand-der-Technik ist“ (übersetzt aus dem Englischen).

Passen Sie also auf! Trauen Sie den Relevanzbewertungen und der Reihenfolge der Trefferlisten nicht. Und achten Sie darauf, dass Google nicht Ihr Geschäft in die Hand nimmt.

Wissen kann man nicht managen!

Muss Wissen ge-managed werden?
Kann man Wissen durch managen vermehren oder verbessern?

Als ich in den späten 90ern des vorigen Jahrtausends das erste Mal mit dem Begriff „Wissensmanagement“ konfrontiert war, wurde dieser vor allem verwendet um Dinge zu beschreiben, die meiner bescheidenen Meinung nach eigentlich eher natives Informationsmanagement waren. Informations-Häppchen zu sammeln und abzulegen. Und natürlich effiziente Datamining-Tools zu haben, also die gesammelten und abgelegten Informationen auch wiederfinden zu können. Alles in allem auch eine ehrenwerte Aufgabe … aber kein echtes Wissensmanagement. Denn wie Peter Drucker einst formulierte „You can’t manage knowledge. Knowledge exists between two ears only„, also im Hirn und nie im System. Übrigens hat auch das Informationsmanagement bis heute immer noch nicht alle seine Ziele erreicht. Gut, es hat sich substantiell weiterentwickelt, es gibt heute bessere Tools als jemals zuvor und semantisches Tagging. Doch trotz allem technischen Fortschritt müssen wir alle uns immer noch Tag für Tag durch exponentiell wachsende Mengen an Informationen kämpfen.

Doch zurück zum Thema. Historisch gesehen wurde dann der Begriff „Wissensmanagement“ von zahlreichen Softwareanbietern okkupiert, missbraucht und Kunden solange damit überschwemmt, bis ihn keiner mehr hören konnte bzw. der Begriff endgültig nichtssagend geworden war. Sogar Fahrstuhlkontrollsystemen war Wissensmanagement zugeschrieben worden. Übrigens passiert etwas sehr ähnliches heute mit dem Begriff „Business Intelligence“, … oder haben Sie während der letzten Jahre einen BI-Software-abhängigen Anstieg an Intelligenz im Business beobachtet? Wenn überhaupt?! 😉 (aber das ist eine andere Geschichte, die später einmal im Blog erzählt werden soll)

Die meisten Wissensmanagement-Projekte scheiterten einfach weil (s.o.) Wissen naheliegenderweise eine Angelegenheit des menschlichen Gehirns ist und nicht von IT. Eigentlich ist das dermassen offensichtlich und selbstverständlich, dass es mir fast peinlich ist, dass nochmals betonen zu müssen. Um Missverständnisse zu vermeiden. Die IT bietet heute eine fantastische Bandbreite an Tools und Strukturen, die den Wissensaustausch, die Kommunikation und die Wissenskultur unterstützen und fördern können. Und ich erkenne das ausdrücklich an und nutze diese Tools dankbar. Aber man kann umgekehrt Wissensmanagement nicht einfach auf IT, auf Hardware und Software, reduzieren. Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung mit einem Top-Manager, welcher die Frage nach der Wissensstrategie des Unternehmens beantwortete mit „in Kürze haben wir einen neuen CIO und dann wird es Verbesserungen geben“. Es war in Folge nicht wirklich überraschend, dass es in dem Bereich, für den dieser Manager die Verantwortung hatte, über Jahre hinweg keinerlei Fortschritt gab.

Kontrastprogramm: da war dieser junge Unternehmensgründer, der eine Wissensmanagement-Beratungsfirma gründete (nein, nicht ich!). Seine Strategie war es, in das Kundenunternehmen hineinzugehen mit einem Team aus einem IT Fachmann (für die Betrachtung der unterstützenden Hardware/Software), einem Betriebswirtschaftler (für die Betrachtung der Geschäftsprozesse und Kalkulationen) und … einem Psychologen, dessen Aufgabe es war, Defizite auf der zwischenmenschlichen Ebene, im  internen Zusammenarbeiten und der damit zusammenhängenden Kommunikationskultur zu identifizieren. Weil Wissen eben auch eine Frage persönlichen Vorteils und von Macht ist. Leider war damals die Welt noch nicht bereit für dieses ganzheitliche Konzept.

Inzwischen, während der letzten paar Jahre, kamen neue Kommunikationsformen, Social Media und innovative Lerntechnologien mehr und mehr ins Spiel. Sie verschoben das Verständnis von Wissensmanagement mehr in Richtig des holistischen Ansatzes. Wissen wird nicht ge-managed … sondern erzeugt, kommuniziert, geteilt. Wissen ist etwas Lebendiges, etwas Kulturelles. Und – am allerwichtigsten – der Auftrag von Wissen ist verwendet anstatt abgelegt zu werden.

Abschliessend bin ich mir ganz offen gesagt nicht sicher, ob ich überhaupt möchte, dass jemand mein oder anderer Wissen „managed“. Ich würde viel lieber Teil einer lebendigen Wissenskultur sein, die durch das Management unterstützt, geteilt und aktiv gefördert wird.

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