Medienkonsistenz = alles digital

Medienkonsistenz beschreibt die spezielle Form des Produktionsprozesses in einer Onlineredaktion, bei dem alle Vorgänge ausschließlich über elektronische (digitale) Medien stattfinden. Presseinformationen gehen per Email oder RSS-feed ein, Informationen werden in Onlinedatenbanken und dem Internet recherchiert, Artikel werden mit einem Textverarbeitungsprogramm geschrieben, Fotos werden mit Digitalkameras aufgenommen oder aus digitalen Bildarchiven gezogen, die Verwaltung der Inhalte und der redaktionsinterne Workflow laufen über eine Redaktionssystem-Software und selbst die Publikation geschieht in elektronischen Medienformen.

Den klassischen ‚Medienbruch’, wie er zum Beispiel beim Gang in den Druck vorkommt oder – schlimmer noch – wenn für Printmedien erstellte Inhalte ins Onlineformat „gepresst“ werden sollen (Aua!), gibt es nicht.

Medienkonsistenz

Ich war schon immer glühender Anhänger des Multichannel-Konzeptes für kombinierte Print-Online-Produkte. Zur Erinnerung, Multichannel-Publishing steht für das parallele Publizieren redaktioneller Inhalte in unterschiedlichen Medienformen. Ich war überzeugt, dass durch die mehrfache Verwendung derselben Inhalte (Content Syndication) Produktionskosten reduziert werden, ja, es sogar dumm wäre, die offensichtlichen Synergieeffekte nicht zu nutzen. Ich sah hier eine echte Chance und Zukunftsperspektive für kleinere und mittlere Verlage, die auf bereits vorliegende Inhalte zurückgreifen können. Im echten Leben jedoch sind die meisten mir bekannten, echten Multichannel- oder Cross-Media-Projekte in der Kombination Print/Online jeweils nach kurzer Zeit gescheitert. Lediglich Formate mit einer TV-Komponente erzeugen zum Teil wirtschaftlich sehr erfolgreiche Onlineableger – wie beispielsweise die „Big Brother“-Produktionen.

Ein Scheitern mag im Einzelfall daran gelegen haben, dass diese Projekte nicht ausreichend detailliert und realitätsnah geplant worden waren. Es mag auch daran gelegen haben, dass die finanziellen Konzepte nicht langfristig genug ausgelegt waren. Ich sehe aber heute – z.T. auch aus eigener Erfahrung – noch einen weiteren entscheidenden Grund: den Medienbruch.

Natürlich kann man leicht beliebige Inhalte aus einer Printpublikation auf eine Webseite stellen. Das ist technisch gar kein Problem. Tatsächlich jedoch unterscheidet sich das Lese- und Nutzungsverhalten der Besucher im Onlinebereich grundlegend vom Verhalten der Printleser, und es ist unbedingt notwendig, dies zu berücksichtigen und darauf einzugehen. Ein Negativbeispiel sind Firmenhomepages bei denen die Inhalte der gedruckten Werbeflyer einfach 1:1 ins Netz gestellt wurden. Das ist wohl so ziemlich der größte Fehler, den man machen kann.

Onlineinhalte müssen im Idealfall völlig neu für dieses Medium erstellt werden, zumindest ist es notwendig, vorhandene Inhalte komplett zu überarbeiten und auf das neue Format anzupassen. Nur dann wird meine Onlinepublikation dauerhaft angenommen werden und überleben.

Fazit: Medienbrüche machen nicht nur die technische Produktion einer Publikation aufwendiger. Ein Medienbruch wirkt sich oft auch unmittelbar auf die Inhalte und die Arte und Weise wie sie wahrgenommen werden aus.

 

Medienkonsistenz kennzeichnet im Übrigen auch die Interaktion mit dem Nutzer, die durchgehend online geschieht, vom Email-Feedback bis zum Onlinefragebogen oder dem Diskussionsforum. Ein Beispiel für einen Medienbruch wäre hier, dass die Anmeldung für das Abonnement des eZines ausgedruckt und gefaxt oder per Post geschickt werden soll, wobei diese in der Redaktion angekommenen Daten dann dort wieder von Hand in die Kundendatenbank eingegeben werden müssen. Man merkt an diesem Beispiel, dass die Erhaltung der Medienkonsistenz nach dem Motto ‚alles online‘ auch die Kommunikation und Wechselwirkung mit dem Leser einfach flüssiger und unkomplizierter macht, und zusätzlich Arbeit spart.

 

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Medium Online (3/3) – Verleger ohne Verlag

Verleger ohne Verlag

Allen Onlinemedienformaten ist zu eigen, dass sie eigentlich keinen Verlag im herkömmlichen Sinn brauchen. Satz und Druck entfallen. Der Publikationsprozess kann über einen beliebigen Internetserver realisiert werden. Auf diese Weise kann jeder über Nacht sein eigener Verleger werden, ohne auf traditionelle Strukturen angewiesen zu sein. Dies ist elementarer Teil der so genannten Internetrevolution. Faktisch kann online also jeder – ob Einzelperson, Freundeskreis, Printverlag, Internetfirma, Dienstleistungsunternehmen, Behörde, Organisation, Kaninchenzüchterverein – eine eigene Onlinepublikation verlegen bzw. veröffentlichen (rechtliche Rahmenbedingungen siehe onlinejournalistische Berufsethik). Dementsprechend gemischt ist auch die Branche, und dementsprechend vielfältig sind auch die Typen von Kollegen, denen man begegnet – wobei man aber offen gesprochen schon sagen muss, dass die Gilde der Journalisten & Redakteure auch über Online hinaus schon immer ein bunter Haufen von Archetypen war.

Wirtschaftlichkeit & Perspektiven

Ich warne davor, davon auszugehen, dass im Bereich Onlineredaktion tausende offener Stellen entstehen werden, auch wenn diese Erwartung in der Vergangenheit immer wieder einmal geweckt wurden. Dem wird zumindest in absehbarer Zeit definitiv nicht so sein. Und Jobs lassen sich auch nicht herbei reden. Positionen – besonders die wirklich interessanten – sind rar und begehrt. Gleichzeitig ist das Medium Online aber im Vergleich zum Print offener für Quereinsteiger, die ihr Wissen aus einer vorangegangenen Fachausbildung inhaltlich mit einbringen.


 Der Beruf des Onlineredakteurs ist eine interessante Option für Quereinsteiger mit Fachausbildung.


 

Marktprognosen der letzten Jahre für Onlinemedien gehen von „durchwachsen“ bis „riesiges Potenzial“. Daraus kann man keine pauschalen Schlüsse ziehen. Meiner Erfahrung nach werden im öffentlichen Bereich vor allem Publikationen mit eng gefasstem Themenkreis Nischen besetzen und erfolgreich sein. Im Marktsegment der Allgemeininformationen tummeln sich heute bereits zu viele Fische im Teich. Die Leser sind erschlagen von der Fülle. Eine weitere Publikation würde sich nicht genug hervorheben und könnte kaum die Aufmerksamkeit erreichen, die sie bräuchte. Doch Spezialmagazine finden ihre Leser, vielleicht deutlich weniger als bei den Massenpublikationen, doch dafür mit höherer Affinität und engerer Bindung. Und firmeninterne Publikationen sind ohnehin zwangsläufig fach- und branchenspezifisch.

Ich sehe den Erfolg der Spezialisierung aber nicht nur markttechnisch begründet, sondern der klare inhaltliche Rahmen hilft auch der Redaktion, kontinuierlich klar auf der Linie zu bleiben. So wird unnötige Mehrarbeit vermieden und das Team bleibt konzentriert bei der Sache. Es ist auch oft leichter, Werbekunden für Spezialthemen zu finden, bei denen diese sich kontext- und zielgruppennah platziert sehen. Ein Unternehmen, welches Surfboards vertreibt, wird doch eher bei einer kleinen Onlinepublikation über Wassersport Kunden erwarten und Anzeigen schalten, als bei Spiegel Online.


Erfolgreiche Onlinepublikationen nutzen Synergien und vermeiden Redundanzen. Sie nutzen die Medienkonsistenz konsequent für eine wirtschaftliche Produktion und Verwertung ihrer Inhalte.

Ein Vorteil ist eine eindeutige thematische Positionierung mit klarem inhaltlichen Rahmen.


Beim Thema Vermarktung werde ich versuchen zu zeigen, dass es auch Vorteile haben kann, mit etablierten Verlegern zusammen zu arbeiten. Denn es sind bisher vor allem die verlagsgebundenen Onlinepublikationen, die lebensfähig sind und wenigstens ihre Produzenten ernähren können. Und von jenen sind es auch nur einige wenige – wie beispielsweise ‚Focus Online‘ – die in den letzten Jahren tatsächlich einen wirtschaftlichem Nettogewinn generieren konnten.

Bei den reinen Onlinern unter den General-Interest-Onlinemagazinen waren es zum Beispiel ‚Nettavisen‚ aus Norwegen (deren Verlegern inzwischen auch die deutsche ‚Netzeitung‘ gehört) sowie das Microsoft-eigene ‚Slate‚, die in der Vergangenheit mit Gewinn arbeiteten. Nettavisen schrieb 2000 bereits 4 Jahre nach Gründung trotz des beträchtlichen Stammes von bis zu 43 Mitarbeitern schwarze Zahlen. Slate wurde nach insgesamt 7 Jahren und einer Anlauffinanzierung von 20 Millionen US$ das erste Mal profitabel. Das mit Slate konkurrierende Magazin ‚Salon‚ hat es dagegen zuletzt mit Paid-Content versucht und musste sich nach einer Beinahepleite umorientieren.



 

Nachtrag 2014:

7 Jahre nach der Verfassung dieses Textes etaliert sich Paid Content langsam. Meiner Ansicht nach vor allem durch die zunehmende Verbreitung von Smartphones und Tablets, welche anscheinend die Bereitschaft, für digitale Leistungen zu bezahlen, grundsätzlich erhöht haben. Die deutsche WELT hat über die letzten 3-4 Jahre konsequent und erfolgreich ein Bezahlsystem für digitale Multichannel-Inhalte aufgebaut und etabliert. Die WELT war hier definitiv Pionier auf dem deutschen Markt. Mittlerweile wird das Modell auf weitere Springer-Medien ausgedehnt, und auch Publikationen anderer Verlage lehnen sich zunehmend daran an.

Auf dem internationalen Markt ist inzwischen die „Huffington Post“ eine echte Hausnummer (inzwischen sogar mit deutschem Ableger) und eines von vielen Gegenbeispielen für die Behauptung, dass mit Onlineinhalten kein Geld zu verdienen sei.