Trumpomania

Ich bin genervt!!!

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass es mit der US Präsidentenwahl endlich vorbei ist. Aber seit Donald Trump tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, schrauben sich echte Aufregung, künstliche Aufregung und der opportune Trump-Alarmismus in ungeahnte Höhen.

Auf allen Kanälen wird man weiterhin zugeballert, wie die Amis uns das bloß antun konnten und wie schlimm es sei und wohin das noch alles führen soll. Eine subtile Mischung aus „der Gruselclown im Oval Office“ und „Das Ende ist nah!!!“

Hej, Leute. Füsse auf den Boden! Trump ist nicht der erste Schwachmatiker im Amt, und er wird auch nicht der letzte sein.

Der Präsident der russischen Föderation, ein ausdrücklich gefährlicher Mann, der seine Minderwertigkeitskomplexe in Schulhofrüpelmanier auslebt und gleichzeitig sein Land in Grund und Boden wirtschaftet, wird von seinem Volk mit grosser Mehrheit unterstützt und verehrt … und finden selbst bei uns verirrte Anhänger.

Der egomanische Präsident der türkischen Republik bricht im Akkord die Gesetze seines Landes, entzündet vorsätzlich und aus politischem Eigennutz den bewaffneten Konflikt mit den Kurden neu und zieht einen kalten faschistischen Putsch durch … und wird von großen Teilen seines Volkes geliebt.

Die Griechen haben einen linksextremen Parteifunktionär zum Ministerpräsidenten gewählt, der als Lebensleistung aber auch sowas von absolut gar nichts vorzuweisen hat außer der grundsätzlichen Bereitschaft, sein Land mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.

Die Briten sind mit wehenden Fahnen und abgeschaltetem Frontallappen den Lügen exzentrischer Populisten wie Farage und Johnson in den Brexit gefolgt.

Selbst im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ gab es bereits vor einen abgehalfterten B-Movie Schauspieler, der sich von seiner Astrologie-fanatischen Ehefrau beraten ließ, (R Reagan) sowie einen grenzdebilen Von-Beruf-Sohn (GW Bush). Ersterer wird von wesentlichen Teilen seines Volkes bis heute als Ausnahmepräsident verehrt.

Last not least, gab es mal einen deutschen Bundeskanzler, der seine Wiederwahl vor allem mit populistischem Oderflut-Heldenepos und berechnender Antikriegsrhetorik gewann.

 

Demokratie heißt nicht, dass immer der oder die Beste gewählt wird bzw. ins Amt kommt. Und Demokratie heißt, dass potenziell jeder in ein Amt gewählt werden kann, es gibt keine Mindestqualifikationskriterien. Wenn dem nicht so wäre, wäre es keine Demokratie sondern Oligarchie (der definiert Befähigten).

Eine gute Demokratie hält Amtsträger wie Trump aus. Und überzeugte Demokraten sollten das auch …

… mit einer guten Portion Gelassenheit.

In welcher Gesellschaft will ich leben

Ich habe schon seit längerem zwei konkrete Erwartungshaltungen an Politik und Gesellschaft in Deutschland.

Ersten möchte ich, dass jeder, der zu uns kommt – egal ob als Asylbewerber, Flüchtling oder Zuwanderer – und der sich in einer offenen Gesellschaft mit Freiheit und Selbstbestimmung ein neues Leben aufbauen will, dass der (oder die) bei uns bleiben kann und ausdrücklich geschützt wird.

Bin ich deshalb links?

Zweitens erwarte ich, dass jeder Zuwanderer, der auch nur im Ansatz …

  • in Worten oder Taten gegen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung agiert,
  • gegen bei uns geltenden Gesetz, Regeln und Verhaltensnormen verstößt, oder
  • von sich aus keine deutliche Bereitschaft zeigt, sich aktiv in die deutsche Gesellschaft und den herrschenden Kultur- und Wertekonsens zu integrieren

unser Land sofort und ohne Umwege zu verlassen hat.

Bin ich deshalb rechts?

Nach den letzte Tagen, mit einer Serie von enthemmten Gewalttaten Nizza, Würzburg, Reutlingen, Ansbach und Saint-Étienne-du-Rouvray, wird mir eines klar. Es gibt ein gemeinsames Muster. Die Gewalt geht von Menschen aus, die offensichtlich das Leben in einer offenen, freiheitlichen, vielfältigen Gesellschaft ablehnen und nicht schätzen. (München ist für mich ein anderer Fall, und deshalb werfe ich ihn bewusst nicht in denselben Topf)

Mit wird auch klar, dass die Grenze in diesen Tagen nicht verläuft zwischen Einheimische und Zuwanderern, Deutschen und Nichtdeutschen, Islam oder Christentum, Gläubigen und Atheisten, rechts und links, Orient und Okzident.

Nein, die Grenze in diesen Tagen verläuft zwischen Freiheitsliebenden und Totalitären.

Da gibt es auf der einen Seite …

  • „eingeborene“ Deutsche die ihr Leben in Frieden und Freiheit führen wollen
  • Flüchtlinge und Zuwanderer, die sich mit eigener Kraft und voller Freude ein neues Leben in einer offenen Gesellschaft aufbauen wollen

Und es gibt …

  • islamistische Betonköpfe
  • rechte Proleten
  • linke Radikale
  • Gewalt, Intoleranz, Totalitarismus, Hass, Mobbing

Wird sind in einem Kampf zwischen Menschen guten Willens und autoritären Fanatikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Menschen, die den Frieden schätzen, und Gewaltfetischisten. Und dabei ist es für mich vollkommen egal, ob die gewaltbereiten Totalitären islamistisch sind, oder rechts, oder links, dumm oder intelligent. In ihrer Gewaltbereitschaft, Intoleranz und Fanatismus sind sie vereint und stehen gegen die Gesellschaft, die ich liebe und in der ich mich wohlfühle.

Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Frieden sind nicht selbstverständlich, Die Form der Gesellschaft, in der wir leben ist nicht selbstverständlich. Entwicklungen gehen nicht zwangsläufig zum Besseren. Freiheit wurde unter Menschen noch nie geschenkt, sondern musste immer erkämpft und verteidigt werden. Das sind einerseits Binsenweisheiten, bei deren Aufzählung die meisten brav nicken … und doch ist uns die Konsequenz daraus oft nicht wirklich bewusst.

Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Frieden müssen verteidigt werden, jeden einzelnen Tag. Sonst haben wir sie nicht verdient. Wir gehe spannenden Zeiten entgegen. Gehen wir es an!

 


 

Siehe auch …

„Das Ende ist nah!!!“ – Schon wieder?

Vor einem Jahr hatte ich einen Blogpost zum Thema Griechenland und Europa geschrieben, und wie dort mit viel Pathos und Untergangsszenarien argumentiert wird.

Und wieder einmal ist es soweit.

Diesmal in der Flüchtlingsfrage. Wieder wird von den üblichen Protagonisten mit viel Pathos der Untergang der europäischen Zivilisation wenn nicht des gesamten Abendlandes beschworen. Beispiel: „Wenn Deutschland seine Grenzen schließt, ist Schengen am Ende! Und wenn Schengen am Ende ist, scheitert die Europäische Union!!“ Visionen von hunderttausenden im Stacheldraht gefangener Flüchtlinge, von neuen Balkankriegen, von einem in Chaos und Bürgerkrieg versinkenden Griechenland, von dem Zerfall des friedenssichernden europäischen Staatenbundes, und so weiter und so fort werden bemüht.

Das kann einem schon Angst machen.

Was bei Angstattacken hilft, ist kurz innehalten, durchzuatmen und die Behauptungen und deren Grundannahmen kurz zu überdenken.

 

„Wenn Deutschland die Grenzen schließt, scheitert Schengen!“

Ist das so? Die Einführung von – bis 1995 stinknormalen – Grenzkontrollen ist keine „Schließung der Grenzen“, hier fängt der Sprachmissbrauch schon an. Mehrere europäische Länder haben bereits Grenzkontrollen wieder eingeführt, in Übereinstimmung mit dem Schengener Abkommen. Das ist unbequem, aber der bequeme Weg ist selten der richtige. Und selbst wenn Deutschland, wenn sogar alle europäischen Staaten ihre Grenzen für eine begrenzte Zeit wieder ihre „Grenzen schließen“ würden, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass die Freizügigkeit durch Schengen oder die EU am Ende wären. Interessanterweise hat auch niemand für diese Behauptung bisher eine echte plausible Begründung geliefert. Das ist eine reine Killerphrase.

„Wenn europäische Grenzen geschlossen werden, bricht der Binnenverkehr zusammen und die Logistikbranche leidet.“

Ist das so? Soweit ich mich erinnere (und ich bin ja nun noch nicht so alt), gab es auch vor Schengen einen durchaus regen europäischen Binnenhandel sowie bereits eine florierende Transportwirtschaft. Den Branchenlobbyisten sei das übliche Gejammer im Angesicht möglicher Unbequemlichkeiten gegönnt. Als gesamtpolitische Handlungsmaxime taugt es eher weniger.

„Grenzen sind heute ohnehin nicht mehr kontrollierbar.“

Ist das so? Nahezu die gesamte Riege an Fachleuten zum Thema widerspricht deutlich und vehement. Die Kontrolle der eigenen Grenzen ist eine Kernaufgabe jedes souveränen Staates. Und es gibt weltweit mehr funktionierende Beispiele als scheiternde. Grenzen sind kontrollierbar, und sie müssen kontrollierbar sein. Und überhaupt, was ist „heute“ anders als früher?

„Grenzen sind in Zeiten der Globalisierung ein Anachronismus.“

Ist das so? Wer sagt das? Was ist die Basis dieser Aussage? Was ist die Logik und Begründung dahinter? Digitale Webshops, der weltweite freie Handel? Schicke mal ein Päckchen Wurst von Deutschland in die Schweiz … Überraschung! Oder gibt es einen neuen grenzenlosen Globalstaat? Eine Weltregierung? Das wäre alles irgendwie an mir vorbei gegangen. Ich sehe nur, dass jeden Tag weltweit Grenzen verteidigt, verschoben und neu gezogen werden. Den evolutionären Sprung zur globalen Grenzlosigkeit sehe ich noch lange nicht. Ich bleibe da lieber mit den Füssen auf dem Boden.

„Die Flut an Flüchtlingen ist nicht beherrschbar!“

Ist das so? Ehrlich gesagt habe ich bisher noch nicht gesehen, dass es jemand ernsthaft probiert hätte. Übriges gibt es in der aktuellen ZEIT einen beachtenswerten Artikel zum Thema.

„Bei einer Grenzschließung stauen sich tausende verzweifelter Menschen an der Außengrenze?“

Ist das so? Als Schweden seine Grenzen für Flüchtlinge dicht machte, waren von den Tausenden, die vorher dort hinwanderten, innerhalb weniger Tage keiner mehr da. Von Ungarn gar nicht zu reden … aber das darf man nicht nennen, denn „Ungarn“ = Orban = böse böse. Da ist Schweden politisch viel korrekter. OK, vielleicht lassen sich sowohl Schweden als auch Ungarn nicht mit der von Deutschland oder der EU als Ganzes vergleichen. Vielleicht gäbe es am Anfang tatsächlich auch unschöne Fernsehbilder, die man aushalten müsste. Aber was mir wirklich nicht gefällt, ist die Annahme, die Flüchtlinge wäre nur eine uniforme, fremdbestimmte, von niederen Instinkten beziehungsweise simplen Bedürfnissen getriebene Masse. Das ist nicht so. Jeder Flüchtling folgt einer individuellen Logik der Hoffnung auf das Paradies. Diese Erwartungshaltung wird – für die große Masse – nicht erfüllt werden können. So oder so.

„Die Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen wäre ungerecht und unmenschlich!“

Ist das so? Ist es nicht vielmehr ungerecht, alle Flüchtlinge gleichzustellen und gleich zu behandeln? Die Starken wie die Schwachen? Wirtschaftsflüchtlinge wie tatsächlich Schutzbedürftige? Nein, das momentane System des mehr oder weniger unkontrollierten Stroms bevorzugt die Starken und benachteiligt die Schwachen. Die momentane Situation ist ungerecht und unmenschlich.

„Jeder hat Anspruch auf Asyl … wenn wir das aufgeben, untergraben wir das Grundrecht auf Asyl!“

Ist das so? Nein, das ist selbstverständlich nicht so. Nicht jeder hat Anspruch auf Asyl. Das Asylrecht definiert mögliche Gründe für einen Asylanspruch sehr klar und eng umrissen. Wer das Asylrecht moralisch verbreitert und aushöhlt, dabei damit die gesellschaftliche Akzeptanz schwächt, der gefährdet das Grundrecht auf Asyl. Und jeder Asylbewerber ohne echten Anspruch bindet Ressourcen, die dann tatsächlich schutz- und hilfebedürftigen Asylbewerbern fehlen.

„Scheitert die EU bei der Flüchtlingspolitik, ist sie am Ende.“

Ist das so? Der Klassiker, das „Ende der EU“-Untergangsszenario. Inklusive der Unterstellung, ohne die EU würde Europa ins finstere Mittelalter zurück fallen. Wird die EU Flüchtlingspolitik scheitern? So wie es momentan aussieht, wahrscheinlich ja. Wird die EU daran zerbrechen? Vielleicht … ich denke aber eher nicht. Sie wird sich eher verändern, von einer überidealisierten EU hin zu einer nüchternen, ernüchterten, bodenständigeren Gemeinschaft. Selbst wenn die EU als Konstrukt eines Tages scheitern sollte – was ich weder denke noch mir wünsche – wäre das nicht das Ende der Zivilisation … sondern eine Chance, es neu anzugehen und beim zweiten Mal besser zu machen.

 

Ich komme zurück zum Anfang. Wieder einmal wird – vor allem von Europapolitikern – mit Angstmachen argumentiert und politisiert. Was bei mir die entscheidende Frage triggert, „Warum?“ Warum eigentlich? Warum muss man mit angstmachenden Katastrophenszenarien arbeiten und argumentieren? Weil man sonst keine überzeugenden Argumente hat?

Doch jede Keule nutzt sich irgendwann ab, jedes Totschlagargument wird früher oder später blass, jede Killerphrase stumpf. Was dann bleibt, erscheint tatsächlich sehr dünn.

Angst ist ein schlechter Ratgeber … und pathosschwangere Katastrophenszenarien ganz sicher kein Weg zu guten Lösungen.

Vorsicht bei Pathos

Schaut man zurück in die Weltgeschichte, dann fällt auf, dass Anführer immer dann mit besonders viel bedeutungsschwangerem Pathos argumentierten und schwadronierten … wenn sie keine echten Argumente hatten aber trotzdem zielstrebig die Massen auf ihre Seite ziehen wollten. Die dümmsten und fatalsten politischen Abenteuer wurden mit pathetischen Reden eingeleitet.

Deshalb lassen mich die pathos-schwangeren Argumentationen einiger führender europäischer Politiker in den letzten Wochen aufmerken. Folgte man Protagonisten wie Martin Schulz, Daniel Cohn-Bendit oder Jean-Claude Juncker, dann wäre ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone der Anfang des Endes der EU. Wenn nicht sogar der unwiderrufliche Untergang des Abendlandes.

Dabei werden großzügig die Mitgliedschaften in unterschiedlichen europäische Clustern miteinander gleichgesetzt. Dabei werden bewusst Pseudo-Zwangsläufigkeiten konstruiert. Dabei werden Irrtümer verbreitet, die Schulz und Co. offensichtlich sogar selber glauben, obwohl gerade sie es besser wissen müssten. Doch nichts ist gefährlicher als ein pathetischer Politiker, der sein aufgeblähtes Weltuntergangsgeschwafel selber glaubt.

Der erste Irrtum (oder besser Unsitte) ist, die EU mit Europa gleichzusetzen. Gehören die Schweiz und Norwegen nicht zu Europa, auch wenn sie keine EU-Mitglieder sind?

Der zweite Irrtum ist, die Euro-Zone mit der EU gleichzusetzen. Es gibt eine Reihe von EU-Staaten, die ohne Euro leben und deswegen weder ausgeschlossen sind noch sich so fühlen. Warum sollte eine Nicht-Euro-Mitgliedschaft Griechenlands zwangsläufig und grundsätzlich den Untergang oder das Ende der EU bedeuten (wie es wiederholt propagiert wurde) … während die Nicht-Euro-Mitgliedschaften von Großbritannien, Polen, Ungarn und Schweden ziemlich unaufgeregt daher kommen?

Der dritte Irrtum ist, einen Grexit zu verteufeln. Was soll das? Nochmal, es gibt eine Reihe anderer EU-Mitgliedern ohne Euro, und die brennen nicht im Höllenfeuer. Und es gibt einer Reihe respektabler Ökonomen, die plausibel und nachvollziehbar begründen können, dass ein Grexit weder das Ende Griechenlandes, noch der EU, noch der Welt wäre. Ganz im Gegenteil. Darüber hinaus ist das frühe kategorische Ausschließen einer Option ein Kardinalfehler bei Verhandlungen, ein absolutes No-Go, wie jeder weiß, der halbwegs professionelle Erfahrungen hat. Man schränkt sich von vornherein selber ein und nimmt einer kreativen Lösungsfindung Spielraum. Das ist eigentlich kleines 1×1 der Verhandlungsführung. Also, Setzen, 6!

Der vierte Irrtum ist, Ideale höher zu stellen als Vereinbarungen und Verträge. Das ist in der Geschichte schon wiederholt schief gegangen. Wie will man die Menschen in den Mitgliedsstaaten mitnehmen und ein Gefühl der Sicherheit geben, auf dem richtigen Weg zu sein, wenn getroffene Vereinbarungen nicht verlässlich gelten. Wenn pathetischer Idealismus jeden einseitigen Vertragsverstoß und egoistisches Verhalten einzelner Mitglieder entschuldigt? „Es geht doch um das große Ganze!“ Ja, klar. Nur besteht das idealistische „große Ganze“ aus lauter realen kleinen Steinen. Niemand will in einem Haus leben, das auf Sand gebaut ist, mag es noch so groß sein, noch so wunderschön angepinselt und noch so pathetisch beworben.

Jens Spahn sagte bei Anne Will ganz richtig, dass Europa realistischer werden müsse. Es habe berechtigterweise eine Zeit der „Pathos-Europäer“ gegeben. Diese sei nun aber langsam vorbei. (Video der Live-Sendung)

Nein, ich werde immer besonders vorsichtig sein, wenn mir Pathos begegnet. Er steht nicht für die Gestaltung der Zukunft, sondern für die Fehler der Vergangenheit. Pathos ist ein Warnsignal!

Karneval in Wuppertal

Da schleichen 5-6 Nonames mit teilweise kriminellem Hintergrund in Müllabfuhrwesten mit Faschingsaufschriften einmal die Wupper hoch und runter … und bringen aus dem Stand den deutschen Medienzirkus zum hyperventilieren.

Berliner Zirkuspferde und politische TV-Kommentatoren verschaffen dabei den geltungssüchtigen Wirrköpfen eine so starke Medienpräsenz, wie es professionelle PR-Agenturen mit Riesenbudgets nicht schaffen. Von daher gehört den Faschingsfiguren durchaus eine gewisse Anerkennung für diese Leistung. Sie wussten scheinbar, auf welche Knöpfchen sie drückten mussten, um einen Medienhype auszulösen.

Aber ist das denn so? War das wirklich eine gezielte Medienaktion, wie die Initiatoren im Anschluß großspurig behaupteten? Oder war der Effekt eher zufällig ausgelöst? War es ein realer Testballon? Oder einfach nur eines von vielen Fake-Videos?

Wir werden es wohl nicht erfahren. Denn die selbst ernannten Hüter der Wahrheit und Aufklärung, also die „Qualitätsmedien“, haben sich gar nicht erst die Mühe von Recherche und Analyse gemacht, sondern sind direkt ohne Umweg in einen emotionalen Betroffenheitsmodus gefallen.

Interessant ist der selbstkritische Kommentar des Tagesschau-Korrespondenten Arnd Henze in seinem Bericht am 06.09. „Vielleicht wäre es klüger gewesen, man hätte die Reaktion auf die Provokation ganz unaufgeregt der örtlichen Polizei überlassen“. Diese hat übrigens sonst bei Faschingsumzügen auch alles sehr gut im Griff.

Spätsommerlicher Karneval in Wuppertal. Und nicht nur da …

Tu felix Mediokratie?

Tu felix Germania! Du glückliches Deutschland. Da Du anscheinend keine echten Probleme hast.

Was waren denn – gemessen am Umfang der medialen Berichterstattung –  die zuletzt grössten politischen Skandale der Bundesrepublik  …

  • ob der (rote) Bundeskanzler sich die Haare färbte oder nicht
  • das außereheliche Liebesleben des (blau-weissen) Gesundheitsministers
  • dass der (schwarze) Verteidigungsminister abgeschrieben hatte

Nun ist es mal wieder so weit.

Seit 2 Wochen beobachte ich fasziniert, wie die bundesdeutschen Medien aus keinem Thema einen Skandal bauen. Diesmal wird das ganz grosse Rad gedreht. Der Bundespräsident ist dran. Waren es anfangs nur „Vorwürfe“, änderte sich die Sprachregelung von einem Tag zum anderen zur „Kredit-Affäre„. Man brauchte mehr sprachliche Schärfe, weil das Thema berechtigterweise niemanden interessierte. Und die sprachliche Eskalation schraubt sich weiter unaufhaltsam nach oben. Fern jeder Verhältnismässigkeit und eigentlich auch fern der Realität. Oder haben wir momentan keine andere Probleme, als welcher seiner Bekannten Christian Wulff privat Geld geliehen hat oder haben könnte?

Fragen drängen sich auf.

  • Gelten für einen Minster- oder Bundespräsidenten dieselben Rechte wie für alle Anderen? Oder darf er Dinge nicht tun, die ansonsten ganz normal und ausdrücklich legal sind?
  • Darf ein Ministerpräsident nicht wie jeder auch Privatkredite aufnehmen? Oder zumindest dann nicht, wenn er irgendwann einmal Bundespräsident werden möchte?
  • Darf er dann überhaupt Freunde haben? Zumindest keine, die beruflich-geschäftlich erfolgreich sind. Denen haftet offensichtlich der Pauschalvorwurf der Unlauterbarkeit und grundsätzlichen Bestechungsbereitschaft an.
  • Brauchen wir am Ende für Politiker in Spitzenämtern ein Freunde-Meldepflicht mit entsprechendem Register? Analog zum Nebeneinkünfteverzeichnis.

Die angebliche „Wächterfunktion“ der Presse überdreht und pervertiert sich selbst. Wieder einmal. Und es wird von mal zu mal schlimmer. Da wird keine Ruhe gegeben. Einmal in Schwung gebracht läuft die Maschinerie unstoppbar. Die selbsternannte „Wächter“ geben in ihrer übersteigerten Hybris nur dann Ruhe, wenn das Opfer endlich zur Strecke gebracht ist. Bequemerweise ist die Beweislast ist schon lange umgedreht. Da wird einfach erst einmal behauptet, gemutmaßt und unterstellt.  Man hört eigentlich immer nur, was „gewesen sein könnte“. Beweise und Belege sind nicht notwendig. Im Gegenteil, der Angegriffenen soll gefälligst einen Gegenbeweis bringen, dass es nicht so ist, wie behauptet. Ein sehr merkwürdiges und gefährliches Rechtsverständnis.

Und wehe wehe! … wenn der Angegriffene es wagen sollte, Unmut über das Verhalten der Presse zu äussern oder sich gar direkt zu beschweren. Das ist Ketzerei! Die Mediokratie probt den Zwergenaufsstand. Kollektives Aufjaulen: „Die Pressefreiheit ist in Gefahr!“ Der Bundespräsident soll dem Chefredakteur der Bildzeitung „gedroht“ haben. Ich erlaube mir ein müdes Grinsen. Als ob irgendjemand dem Chef der auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands drohen könnte – geschweige denn der per Amt machtlose Bundespräsident. Dazu noch einer Zeitung, die selber nicht unbedingt für besonders ethischen Journalismus und faires Verhalten bekannt ist. Auf sich herumtrampeln lassen, dass darf Herr Wulff dürfen. Aber sich wehren nicht. Er ist ja quasi öffentliches Objekt.

Dabei schaden die Medienvertreter vor allem auch sich selbst. Weil immer weniger Menschen Presse und Medien ernst nehmen. Weil die wirklichen Themen irgendwann niemanden mehr interessieren, wenn alles zum „Skandal“ wird. Weil die Pressefreiheit sich selber untergräbt, wenn sie ihre Verantwortung vergisst.

Das Volk ist dabei zunehmend genervt von der Dauerbeschallung. Die öffentliche Vivisektion verwandelt sich in eine Farce.  Ich halte es mit Eckhard Fuhr (Zitat): „Im aktuellen Fall ist der Abpfiff überfällig. Sonst endet es noch mit (Zitat) „Skandal: Bettina Wulff betrügt bei Rewe mit Maschmeyers Treuepunkten.“

Ich jedenfalls möchte weiter gerne bei Freunden übernachten dürfen ohne zu bezahlen (ups!). Ich möchte mir bei Bedarf weiterhin Geld leihen dürfen, von wem ich möchte. Und ich will gerne mit Freunden Urlaub machen können, ohne dass ich für die Abrechnung einen Wirtschaftsprüfer konsultieren muss. Wenn mir danach wäre, würde ich  gerne meine Verhärmung über unfreundliches Verhalten auf Anrufbeantworter sprechen dürfen. Und mangelndes ethisches Verhalten von Presse- und Medienvertretern werde ich weiterhin offen kritisieren. Auf jeden Fall würde ich mich dagegen wehren, wenn man von mir öffentliche Antworten auf Fragen zu meinem Privatleben verlangen würde.

Daher habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, einmal Bundespräsident werden zu können. Da kann man wohl tatsächlich sagen „Tu felix Germania!“

Jetzt kommt „Das Schlimmste“!

Bisher war es ja schon schlimm. Dann wurde es immer schlimmer. Doch jetzt. Jetzt droht „Das Schlimmste“!

Zumindest wenn man prominenten Meinungsmachern glauben darf.

Es ist ein Dienstag Abend im November 2011. Europa rotiert. Griechenlands Premier Papandreou kündigte eine Volksabstimmung über das – nur wenige Tage zuvor mit grossem Aufwand erreichte – Rettungspaket an. Die europäischen Kollegen sind echauffiert. Die Börsen machen das, was sie immer machen, nämlich überreagieren.

Nun wurde zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Wochen und Monaten medial über „drohende Dominoeffekte“, „Zerreißproben“ für das solidarische Europas, den möglichen Untergang des Euro und des Abendlandes überhaupt schwadroniert. Ein Untergangsszenario nach dem anderen war aufgerollt und durchdekliniert worden. Doch nun … in einer zugegebenermassen überraschenden und schwierigen aber noch lange nicht alternativlosen Situation … waren die üblichen sprachlichen Superlative bereits vorab verbraucht worden. Und die Presse scheint überfordert.

So sehe ich beispielsweise in einer grossen deutschen Abendnachrichtensendung den Brüsseler Korrespondenten von aufgeregten Politikern berichten. Dabei ringt er ob der Ereignisse selber erregt hyperventilierend um Worte, als wäre das Atomium kurz vor einer Kernschmelze. Wohl, um die „Dramatik“ der Situation auch körperlich auszudrücken. Sein Gegenpart, der „anchorman“ der Nachrichtensendung und selbst langjähriger Journalist und Korrespondent geht noch einen Schritt weiter.

Er bringt die ultimative Übertreibung. „Kommt jetzt das Schlimmste?“ höre ich den Journalisten seinen Kollegen fragen. Selbstredend, dass nicht ausgeführt wird, was denn „das Schlimmste“ überhaupt ist. Und für wen es „das Schlimmste“ wäre. Und was den wäre, sollte es sogar noch schlimmer als „das Schlimmste“ kommen. Die verbreitete journalistische Krisen- und Übertreibungsrhetorik nimmt Anlauf zum Purzelbaum.

Das ist schon bitter, wenn einem die Superlative ausgehen! Wohl tatsächlich das Schlimmste für einen Journalisten …