Presse-Amnäsie

Rückblende. Sommer 2009. Schweinegrippe-Hysterie in Deutschland. Die gesellschaftliche Atmosphäre der Angst vor dem neuen Virus fördert das Auslösen von Katastrophenplänen und die beginnende Vorratshaltung von Impfstoff für den medizinischen Ernstfall. Presse und Medien fördern die Panik durch übermässige Dominanz des Themas sowie durch Berichte, Politik und Behörden wären nicht ausreichend vorbereitet. Auch die bevorzugte Auswahl von Bedenkenträgern und worst-case-scenario-Propheten in der medialen Präsenz tut ihren Teil. Der Pharmaindustrie wird von Medien und Presse über Monate vorgeworfen, sie käme ihrer Verantwortung nicht nach, und würde nicht schnell genug einen Impfstoff entwickeln … später dann: nicht schnell genug ausreichende Mengen an Impfstoff produzieren … später dann: die von den Regierungen bestellten Mengen an Impfdosen nicht liefern zu können. Und dann ist da ja noch die Geschichte mit den 1. und 2. Klasse Impfstoffen (siehe anderer Blogpost). Die Angst- und Vorwurfsmaschine läuft mit Volldampf.

Heute. Sommer 2010. Zitat aus dem Spiegel: „Rund 30 Millionen ungenutzte Impfdosen gegen die Schweinegrippe gibt es noch in Deutschland. Nun ist die Seuche offiziell vorbei – und die Bundesländer befürchten, auf den Millionenkosten sitzenzubleiben.“ Zahlreiche Presseorgane werfen der Pharmaindustrie vor, sie hätte 2009 eine Hysterie verursacht, um den Ländern die riesigen Mengen an unnötigem Impfstoff aufdrängen zu können. Unterschwellig könnte man manchmal fast die Unterstellung heraushören, das Schweinegrippe-Virus könnte sogar von der Pharmaindustrie gezüchtet worden sein, um sich eine goldene Nase zu verdienen.

Was für eine unglaublich amnäsiale, betriebsblinde, unreflektierte und heuchlerische Sicht auf die Ereignisse! Der Verursacher spielt sich zum Ankläger auf.

OK, Presse und Medien waren sicher nicht die Verursacher der Schweinegrippe-Epidemie. Aber sie haben ihren Teil dazu getan zur Desinformation durch Überinformation, zur daraus resultierenden Atmosphäre aus Angst und Verunsicherung, zum Druck, der auf Politik und Behörden ausgeübt wurde, zur kollektiven gesellschaftlichen Panik. Nein, meiner Meinung nach wurden Presse und Medien im Rahmen der informativen Begleitung der Ereignisse weder in 2009 noch in 2010 ihrer Verantwortung gerecht. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

Und die Pharmaindustrie ist ein etablierter, verfügbarer Bösewicht. 2009 weil kein Impfstoff da war. 2010 weil Impfstoff da war. Nachdem der militärisch-industrielle Komplex des kalten Krieges irgendwann irgendwie verlustigt gegangen war, wurde das Feindbild mittlerweile ersetzt durch ein Triumvirat aus Katholische Kirche, Atomlobby und Pharmaindustrie. Einer von denen ist immer schuld! Stopp! Ich habe noch „die Besserverdienenden“ vergessen!

Morgen. Sommer 2011. Welcher Erreger wird es dann wohl sein, der Presse und Medien erneut in einen kollektiven Rausch versetzt und Hysterie schürt? Es bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen nicht irgendwann abstumpfen.

„Zweiklassenmedizin“ beim Schweinegrippe-Impfstoff

Und wieder wurde eine Sau durch Deutschland getrieben, oder besser gesagt ein Bock.

Habe gerade nochmal Pressemeldungen und -beiträge aus dem Oktober 2009 in der Hand. Bei den Schweinegrippeimpfstoffen sollte es angeblich eine Zweiklassenmedizin geben. Fakt war jedoch: alle vorhandenen Impfstoffe waren wirksam und verträglich. Fakt war auch: das für die Arzneimittelsicherheit in Deutschland zuständige Bundesinstitut hatte dies bestätigt und ausdrücklich betont. Alles, was dann sonst noch zu dem Thema kam, war eigentlich nur das Ausleben politischer Profilneurosen, hatte aber fast mehr journalistische Aufmerksamkeit und Präsenz als die Fakten.

Da war beispielsweise mal wieder Karl Lauterbach, der selbsternannte „SPD-Gesundheitsexperte“ (weiß die SPD das überhaupt?). Ein typischer politischer jack-out-of-the-box, ein Hinterbänkler, der bei bestimmten Triggerwörtern reflexartig vorspringt. Lauterbach fiel so einmal mehr auf als „Experte“ für alles-was-so-mit-Gesundheit-zu-tun-hat. Und seine wesentliche Qualifikation dafür scheint ein penetrantes sich selbst vor die Kamera schubsen zu sein. Und ins gleiche Bockshorn tutete „hallo-mich-gibt’s-auch-noch“ Jürgen Trittin, der sich selber mal schnell, bevor einer es merkte, mit einem verspäteten Sommerlochthema zum Quasi-Oppositionsführer ernannte.

Rückblickend hat sich der ganze Zirkus als echte Luftnummer erwiesen. Schade, dass die Herren Lauterbach und Trittin ihre politischen Profilneurosen auf dem Rücken der Bevölkerung austragen und diese unnötig verunsichern mussten. Schade, dass dies bei Medien und Presse mehr Aufmerksamkeit und Inhalte erzeugte als objektive Fakten. Selber schuld, wer sich davon ins Bockshorn jagen lies.