Trumpomania

Ich bin genervt!!!

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass es mit der US Präsidentenwahl endlich vorbei ist. Aber seit Donald Trump tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, schrauben sich echte Aufregung, künstliche Aufregung und der opportune Trump-Alarmismus in ungeahnte Höhen.

Auf allen Kanälen wird man weiterhin zugeballert, wie die Amis uns das bloß antun konnten und wie schlimm es sei und wohin das noch alles führen soll. Eine subtile Mischung aus „der Gruselclown im Oval Office“ und „Das Ende ist nah!!!“

Hej, Leute. Füsse auf den Boden! Trump ist nicht der erste Schwachmatiker im Amt, und er wird auch nicht der letzte sein.

Der Präsident der russischen Föderation, ein ausdrücklich gefährlicher Mann, der seine Minderwertigkeitskomplexe in Schulhofrüpelmanier auslebt und gleichzeitig sein Land in Grund und Boden wirtschaftet, wird von seinem Volk mit grosser Mehrheit unterstützt und verehrt … und finden selbst bei uns verirrte Anhänger.

Der egomanische Präsident der türkischen Republik bricht im Akkord die Gesetze seines Landes, entzündet vorsätzlich und aus politischem Eigennutz den bewaffneten Konflikt mit den Kurden neu und zieht einen kalten faschistischen Putsch durch … und wird von großen Teilen seines Volkes geliebt.

Die Griechen haben einen linksextremen Parteifunktionär zum Ministerpräsidenten gewählt, der als Lebensleistung aber auch sowas von absolut gar nichts vorzuweisen hat außer der grundsätzlichen Bereitschaft, sein Land mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.

Die Briten sind mit wehenden Fahnen und abgeschaltetem Frontallappen den Lügen exzentrischer Populisten wie Farage und Johnson in den Brexit gefolgt.

Selbst im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ gab es bereits vor einen abgehalfterten B-Movie Schauspieler, der sich von seiner Astrologie-fanatischen Ehefrau beraten ließ, (R Reagan) sowie einen grenzdebilen Von-Beruf-Sohn (GW Bush). Ersterer wird von wesentlichen Teilen seines Volkes bis heute als Ausnahmepräsident verehrt.

Last not least, gab es mal einen deutschen Bundeskanzler, der seine Wiederwahl vor allem mit populistischem Oderflut-Heldenepos und berechnender Antikriegsrhetorik gewann.

 

Demokratie heißt nicht, dass immer der oder die Beste gewählt wird bzw. ins Amt kommt. Und Demokratie heißt, dass potenziell jeder in ein Amt gewählt werden kann, es gibt keine Mindestqualifikationskriterien. Wenn dem nicht so wäre, wäre es keine Demokratie sondern Oligarchie (der definiert Befähigten).

Eine gute Demokratie hält Amtsträger wie Trump aus. Und überzeugte Demokraten sollten das auch …

… mit einer guten Portion Gelassenheit.

„Wie mit der AfD umgehen?“ – Anregung von Journalisten für Journalisten

In der Ausgabe vom 15. September 2016 (#39) veröffentlichte eine Gruppe von Redakteuren der ZEIT eine Manifest, wie Journalisten mit der AfD umgehen sollten. Der Text wollte als Debattenbeitrag verstanden werden und die Debatte bereichern.

Ich war beim Lesen spontan beeindruckt. Ein längst überfälliger Diskussionsbeitrag, von „Betroffenen“ für Betroffene. In vielen Aspekten Gedanken ausformulierend, die auch mich schon seit einiger Zeit umtreiben.

Ich möchte in die noch recht stille Arena der Debatte gerne meinen Hut werfen. Lassen Sie mich die Kernthesen kurz auflisten, und meine persönliche Sicht direkt anzufügen. Die Veröffentlichung der Thesen mit Begründungen finden sich im Onlinearchiv der ZEIT.

Los geht’s …

 

„1. Nicht immer dazusagen, wie schlimm die AfD ist“

Ich selber wähle die AfD nicht, weil die Partei meiner Meinung nach die falschen Lösungsvorschläge und Konzepte hat. Und nicht ‚weil es die AfD ist‘. Die verbreitete Dämonisierung der Partei ist unprofessionell und etwas für Menschen mit schwachem Langzeitgedächtnis.

Ich erinnere mich noch an das Auftauchen eines andere Außenauslegers, in dem sich unter anderem Extremisten zahlreicher Strömungen sammelten. Auch als die Vorläufer der Partei Die Linke die Bühne betraten, gab es Sozialdemokraten, welche deren Vertreter keines Blickes würdigten und Ihnen die Hand nicht geben wollten. Und heute … wird seit Jahren auf Länderebene fröhlich koaliert und sogar mit einer gemeinsamen Regierung auf Bundesebene kokettiert. Ich hatte da ein echtes  déjà-vu, als der SPD-Ministerpräsident am Wahlabend den AfD-Vertreter nicht anschauen wollte. Auf mich wirkte das mehr wie Kindergarten denn wie souveränes Verhalten.

 

„2. Die AfD nicht mit Rechtsextremen und Neonazis gleichsetzen“

Die Partei Die Linke ist eine etablierte politische Kraft in Deutschland … und am linken Rand was die AfD am rechten ist. Eine Flügelspitzenpartei, die unter anderem Vertreter extremistischer und antidemokratischer Ideologien anzieht. Aber eben auch, eine grundgesetzkonforme Partei mit legitimen politischen Ideen und Zielen, für die sie im Rahmen des demokratischen Systems kämpft und sich engagiert. Und genauso wie es falsch ist, Die Linke pauschal mit den Ewig-Gestrigen der kommunistischen Plattform, linken Antisemiten und Sympathisanten von RAF-Terror gleichzusetzen, genauso ist es falsch, die AfD global mit den Rechtsextremen und Neonazis gleichzusetzen. Eine übertriebene Polarisierung und Stigmatisierung verhindert die notwendige kritische inhaltliche Auseinandersetzung. Ich würde mir hier medial ein ein bisschen mehr Gelassenheit wünschen und weniger Hyperventilieren.

 

„3. Nicht auf jede Provokation einsteigen“

Apropos Hyperventilieren. Frau von Storch pupst … und die Tagesthemen tanzen Polka. Selbst die von mir ansonsten hochgeschätzte Tageszeitung DIE WELT, spammt mich zeitweise in ihrer Online-Ausgabe mit Nicht-Nachrichten aus dem Mikrouniversum der Kleingeister. Es ö-de-t mich an! Es nervt! Null Information, nur Stimmungsmache. Von beiden Seiten, AfD und Medien!

Ich stimme der These voll zu und – erneut – würde mir deutlich mehr Gelassenheit wünschen. Ich zitiere aus dem ZEIT-Manifest: „Zu einer gelungenen Provokation gehört immer einer, der provoziert – und einer, der sich provozieren lässt. Zu einer Normalisierung der Debatte würde gehören, nicht mehr über jedes Stöckchen zu springen, das die AfD uns Journalisten hinhält.“ Oder wie es ein echter Experte in Sachen Populismus, der ehemalige Pressesprecher Jörg Haiders, kürzlich bei Maybrit Illner sagte, das beste Mittel gegen Populismus sei das Ignorieren der wohlkalkulierten Tabubrücke.

Eigentlich hat die AfD die optimale Medienstrategie, da können die etablierten Parteien noch richtig etwas lernen. Minimaler Aufwand, maximale Präsenz. Mit welchen ‚Nachrichten‘ es die AfD teilweise mehrmals täglich in sogenannte Qualitätsmedien schafft, ist absolut unglaublich. Das kriegt sonst vielleicht nur noch die CSU hin … aber nur im Ansatz.

 

„4. Raus aus der Spirale der Beleidigungen“

Ist das tatsächlich ein spezieller AfD-Kontext? Oder ist es nicht generell so, dass immer mehr (Menschen, Gruppierungen) immer leichter zu beleidigen sind? Ja, die Formulierung enthält eine bewusste Doppeldeutigkeit. Journalisten könnten hier hier im besten Sinne des Wortes noch mehr vermittelnd wirken. Aber dies würde ich mit nicht nur im Umgang mit der AfD wünschen, sondern ganz allgemein. Ja, ja, ich weiß … ‚Zuspitzung ist ein wichtiges journalistisches Werkzeug‘. Aber man sollte es gezielt und dosiert einsetzen. Ich bohre ja auch mit einem Hammer kein Loch (zumindest nicht vorsätzlich).

 

„5. Mit Fakten und guten Argumenten gegen Verschwörungstheorien“

Das ist mal eine echte Sisyphos-Arbeit. Vor längerer Zeit las ich, dass das Problem mit Verschwörungstheorien sei, dass man sie nie wirklich widerlegen kann. Wenn ich mir manch krude Meinungen zu Impfungen, Gentechnik oder 09/11 anschaue, muss ich leider zustimmen. Oder beispielsweise Strömungen bei den Linken, die Israel als großen Weltverschwörer sehen.  Mit Fakten kommt man überzeugten Verschwörungsgläubigen selten bei … weil die Verschwörungstheorie die Fakten der eigenen Schein-Wirklichkeit anpasst, und nicht umgekehrt.

Ich denke trotzdem, dass man Verschwörungstheorie, wie sie in Teilen der AfD überdurchschnittlich zu finden sind, aktiv, umfangreich, engagiert und unaufhörlich mit Fakten und alternativen Sichtweisen begegnen muss. Weniger um die Gläubigen zu überzeugen, sondern als notwendigen Kampf um die Deutungshoheit. Man sollte sich aber auch nicht entmutigen lassen, wenn man merkt, dass es Unverbesserliche gibt, die man damit nie erreichen wird.

 

„6. Transparent machen, wie Journalisten arbeiten“

Ein hehrer Anspruch, bei dem ich nicht sicher bin, wie realistisch er ist. Ja, Journalisten sollten das grundsätzlich tun, transparent zu machen, wie sie arbeiten, erwähnte Fakten und Informationen belegen und proaktiv zeigen, wo in ihrem Beitrag ermittelte Erkenntnisse aufhören und notwendige Interpretationen beginnen.

Auf der anderen Seite bezweifle ich ernsthaft, ob sich die „Lügenpresse“-Schreihälse mit Transparenz zur Arbeitsweise gewinnen lassen (siehe auch 5.). Ob diese sich überhaupt damit beschäftigen wollen, wie journalistische Beiträge entstehen, die nicht zwangsläufig ihre eigenen Meinung abbilden. Genauso wenig wie die Krakeeler der 68er, deren dialektisches Geschwafel sich von realen Fakten ebenfalls nicht beeindrucken lies. Ich denke, hier sollte man mit den Füssen auf dem Boden bleiben. Transparenz und Erklären: ja. Je mehr man damit erreichen kann, desto besser. Aber nicht zu viel erwarten.

 

„7. Eigene Irrtümer eingestehen, valide Argumente anerkennen“

OK, das ist jetzt vielleicht etwas provokativ. Aber offen gesagt nehme ich selber Presse und Medien nicht als besonders selbstkritisch und einsichtsfähig war. Das Eingestehen von Irrtümern ist definitiv keine ausgewiesene Kernkompetenz. Gerne wird beispielsweise in TV-Medien legitimen Gegendarstellungen mit einem kleinen sarkastischen Kommentar des Moderators hinterhergetreten. Schade fände ich, wenn es ausgerechnet die AfD bräuchte, um hier zu einer Erkenntnis und (hoffentlich) Weiterentwicklung zu kommen.

Über die grundsätzliche Problematik hinaus gibt es bei manchen Journalisten einen quasi-pawlowschen spontan-affektiven AfD-Reflex. ‚Was die sagen kann ja gar nicht richtig sein.‘ Da gibt es unter Umständen einen engen Bezug zu 1. (siehe oben). ‚Was so böse und schlimm ist, aus dessen Mund kann ja gar nicht Richtiges kommen.‘ Doch ich zitiere lieber aus dem Manifest der ZEIT-Redakteure: „[…] ein Argument wird nicht dadurch schlecht, dass die AfD es vertritt.“

Siehe auch Harald Martenstein’s ironische Bertrachtung, „Über Fakten, Phrasen und Beschimpfungen„.

 

„8. Gewöhnliche Menschen zu Wort kommen lassen“

Ja, klar. Wenn ich dadurch Anton Hofreiter, Ralf Stegner und Horst Seehofer weniger sehen muss, bin ich dabei.

Scherz beiseite. „Gewöhnlich“ ist ein schwieriges Wort. Ich denke mal, es sind alle die gemeint, die keine Berufspolitiker sind und sich nicht in deren Dunstkreis bewegen. Klar kann es hilfreich sein, wenn sich diese Menschen medial mehr und öfter abbilden, als die immer gleichen Gesichter mit den immer selben Phrasen.

Ich denke, Teil der Problematik ist aber auch eine schleichende Entfremdung zwischen Medien und nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung. Wobei sich Letztere mit ihren Ansichten und ihrer Lebenswirklichkeit offensichtlich medial/journalistisch nicht mehr reflektiert sehen. Hier würde schon helfen, weniger belehrend auf die Menschen zu wirken und ihnen (auch den AfD-Anhängern) mehr zuzuhören. Aber ich will nicht belehrend wirken …

 

„9. Die AfD weder vergrößern noch ausgrenzen“

Es gibt in der Berichterstattung über die AfD eine extreme Polarisierung. Es fühlt sich manchmal sogar so an, als würden sich manche Journalisten als natürliches politisches Gegengewicht zu den Populisten sehen … und geraten dabei manchmal selber in die Falle, ebenfalls populistisch zu argumentieren. Füsse auf den Boden! Wer sich politisch einbringen möchte, sollte das durch Engagement in und mit einer Partei oder Interessengruppe tun. Die AfD auszuschließen oder als politische Gefahr künstlich aufzublasen ist beides weder angebracht noch richtig. Dies gilt übrigens für Medien genauso wie für Politiker, die sich gemeinsamen Diskussionsrunden verweigern (siehe 1.).

 

Fazit

Meiner Meinung nach haben die beteiligten Journalisten der ZEIT-Redaktion mit Ihrem Thesenpapier einen wichtigen Beitrag zur Debatte geleistet und wichtige Handlungsanregungen für den eigenen Berufsstand gegeben. In der Summe läuft es auf mehr Gelassenheit und „coolness“ im Umgang mit der AfD hinaus. Und weniger Stigmatisierung, die eine inhaltliche Auseinandersetzung lediglich behindert. Es ist an der Zeit, die AfD medial wie eine normale Partei zu behandeln, die sich dann auch endlich denselben Maßstäben und Herausforderungen stellen muss wie alle andere. Bisher haben es viele Medien der AfD viel zu leicht gemacht.

 

Gönnen Sie sich die Freude und lesen sie das ZEIT-Manifest „Wie mit der AfD umgehen?“. Und diskutieren Sie mit …!


Siehe auch …

 

Bitte mehr Gelassenheit

Und wieder einmal hat sie es geschafft. Mit einem doppeldeutigen Twitter-Tweet  erzeugt AfD-Grande Beatrix von Storch einen erwartbaren Entrüstungssturm „des Internets“ und eine respektable Medienpräsenz. Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag.

Ich verstehe nicht, warum von Storch und Konsorten immer wieder diese Aufmerksamkeit bekommen. Man nehme eine Prise wohlkalkulierte Provokation und schon springen alle wie der Hund nach dem Stöckchen.

Der Grundsatz, dass schlechte Presse besser ist als gar keine Presse, gilt gerade und vor allem für die AfD. Sie lebt davon. Sie braucht es wie der Junkie sein Dope. Nichtbeachtung wäre fatal für diese Partei.

Ja, ich finde die These durchaus plausibel, dass Medien und Presse sowohl durch den Umfang als auch die Art und Weise der journalistische Beachtung den Aufstieg der AfD gefördert haben.

Daher unterstütze ich Jan Böhmermanns Vorschlag, von Storch „einfach mal zu ignorieren“. Ich würde mir weniger vorhersehbare, aufgescheuchte und letztlich unterstützende mediale Beachtung wünschen.

Stattdessen etwas mehr entspannte Gelassenheit.

Kurzgebratenes zur Causa Böhmermann

Ja, ja, OK … ist momentan en vogue sich mit Herrn Böhmermann zu solidarisieren bzw. gegen Herrn Erdoğan zu positionieren.

Daher ist das hier jetzt vielleicht ein bisschen Me2 … doch es ist mir wichtig, und deshalb will ich es zumindest einmal gesagt haben.

Ging  Böhmermanns Gedicht zu weit? Ja!

Muss man das als grosser, starker Mann aushalten können? Ja sicher! Getreu dem Spruch: Was juckt es eine starke Eiche, wenn eine Sau sich daran wetzt.

Doch der „arme Herr Erdoğan“ – eine Runde Mitleid bitte!* – ist wohl eher mehr Zitterpappel als Eiche.

Nein, klare Ansage von mir: „I disapprove of what you say [Böhmernann], but I will defend to the death your right to say it.“ (Evelyn Beatrice Hall)

 

Kleiner Nebenkriegsschauplatz … aus dem Offenen Brief von Matthias Döpfner in der Welt vom 10.04.2016 zitieren:

„Sobald es gegen die katholische Kirche geht, ist das Lachen des Justemilieu programmiert. Es kann gar nicht respektlos und verletzend genug sein. […] Beim türkischen Präsidenten ist das anders.“

Ich selber habe sogar einst Dirk Bach als fernsehtaugliche Gott-„Parodie“ ertragen müssen … wie witzig!* … Schenkelklopfer!* Das Bild kriege ich bis heute nicht aus dem Kopf!!!


* Achtung Satire!

 

Links

„Das Ende ist nah!!!“ – Schon wieder?

Vor einem Jahr hatte ich einen Blogpost zum Thema Griechenland und Europa geschrieben, und wie dort mit viel Pathos und Untergangsszenarien argumentiert wird.

Und wieder einmal ist es soweit.

Diesmal in der Flüchtlingsfrage. Wieder wird von den üblichen Protagonisten mit viel Pathos der Untergang der europäischen Zivilisation wenn nicht des gesamten Abendlandes beschworen. Beispiel: „Wenn Deutschland seine Grenzen schließt, ist Schengen am Ende! Und wenn Schengen am Ende ist, scheitert die Europäische Union!!“ Visionen von hunderttausenden im Stacheldraht gefangener Flüchtlinge, von neuen Balkankriegen, von einem in Chaos und Bürgerkrieg versinkenden Griechenland, von dem Zerfall des friedenssichernden europäischen Staatenbundes, und so weiter und so fort werden bemüht.

Das kann einem schon Angst machen.

Was bei Angstattacken hilft, ist kurz innehalten, durchzuatmen und die Behauptungen und deren Grundannahmen kurz zu überdenken.

 

„Wenn Deutschland die Grenzen schließt, scheitert Schengen!“

Ist das so? Die Einführung von – bis 1995 stinknormalen – Grenzkontrollen ist keine „Schließung der Grenzen“, hier fängt der Sprachmissbrauch schon an. Mehrere europäische Länder haben bereits Grenzkontrollen wieder eingeführt, in Übereinstimmung mit dem Schengener Abkommen. Das ist unbequem, aber der bequeme Weg ist selten der richtige. Und selbst wenn Deutschland, wenn sogar alle europäischen Staaten ihre Grenzen für eine begrenzte Zeit wieder ihre „Grenzen schließen“ würden, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass die Freizügigkeit durch Schengen oder die EU am Ende wären. Interessanterweise hat auch niemand für diese Behauptung bisher eine echte plausible Begründung geliefert. Das ist eine reine Killerphrase.

„Wenn europäische Grenzen geschlossen werden, bricht der Binnenverkehr zusammen und die Logistikbranche leidet.“

Ist das so? Soweit ich mich erinnere (und ich bin ja nun noch nicht so alt), gab es auch vor Schengen einen durchaus regen europäischen Binnenhandel sowie bereits eine florierende Transportwirtschaft. Den Branchenlobbyisten sei das übliche Gejammer im Angesicht möglicher Unbequemlichkeiten gegönnt. Als gesamtpolitische Handlungsmaxime taugt es eher weniger.

„Grenzen sind heute ohnehin nicht mehr kontrollierbar.“

Ist das so? Nahezu die gesamte Riege an Fachleuten zum Thema widerspricht deutlich und vehement. Die Kontrolle der eigenen Grenzen ist eine Kernaufgabe jedes souveränen Staates. Und es gibt weltweit mehr funktionierende Beispiele als scheiternde. Grenzen sind kontrollierbar, und sie müssen kontrollierbar sein. Und überhaupt, was ist „heute“ anders als früher?

„Grenzen sind in Zeiten der Globalisierung ein Anachronismus.“

Ist das so? Wer sagt das? Was ist die Basis dieser Aussage? Was ist die Logik und Begründung dahinter? Digitale Webshops, der weltweite freie Handel? Schicke mal ein Päckchen Wurst von Deutschland in die Schweiz … Überraschung! Oder gibt es einen neuen grenzenlosen Globalstaat? Eine Weltregierung? Das wäre alles irgendwie an mir vorbei gegangen. Ich sehe nur, dass jeden Tag weltweit Grenzen verteidigt, verschoben und neu gezogen werden. Den evolutionären Sprung zur globalen Grenzlosigkeit sehe ich noch lange nicht. Ich bleibe da lieber mit den Füssen auf dem Boden.

„Die Flut an Flüchtlingen ist nicht beherrschbar!“

Ist das so? Ehrlich gesagt habe ich bisher noch nicht gesehen, dass es jemand ernsthaft probiert hätte. Übriges gibt es in der aktuellen ZEIT einen beachtenswerten Artikel zum Thema.

„Bei einer Grenzschließung stauen sich tausende verzweifelter Menschen an der Außengrenze?“

Ist das so? Als Schweden seine Grenzen für Flüchtlinge dicht machte, waren von den Tausenden, die vorher dort hinwanderten, innerhalb weniger Tage keiner mehr da. Von Ungarn gar nicht zu reden … aber das darf man nicht nennen, denn „Ungarn“ = Orban = böse böse. Da ist Schweden politisch viel korrekter. OK, vielleicht lassen sich sowohl Schweden als auch Ungarn nicht mit der von Deutschland oder der EU als Ganzes vergleichen. Vielleicht gäbe es am Anfang tatsächlich auch unschöne Fernsehbilder, die man aushalten müsste. Aber was mir wirklich nicht gefällt, ist die Annahme, die Flüchtlinge wäre nur eine uniforme, fremdbestimmte, von niederen Instinkten beziehungsweise simplen Bedürfnissen getriebene Masse. Das ist nicht so. Jeder Flüchtling folgt einer individuellen Logik der Hoffnung auf das Paradies. Diese Erwartungshaltung wird – für die große Masse – nicht erfüllt werden können. So oder so.

„Die Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen wäre ungerecht und unmenschlich!“

Ist das so? Ist es nicht vielmehr ungerecht, alle Flüchtlinge gleichzustellen und gleich zu behandeln? Die Starken wie die Schwachen? Wirtschaftsflüchtlinge wie tatsächlich Schutzbedürftige? Nein, das momentane System des mehr oder weniger unkontrollierten Stroms bevorzugt die Starken und benachteiligt die Schwachen. Die momentane Situation ist ungerecht und unmenschlich.

„Jeder hat Anspruch auf Asyl … wenn wir das aufgeben, untergraben wir das Grundrecht auf Asyl!“

Ist das so? Nein, das ist selbstverständlich nicht so. Nicht jeder hat Anspruch auf Asyl. Das Asylrecht definiert mögliche Gründe für einen Asylanspruch sehr klar und eng umrissen. Wer das Asylrecht moralisch verbreitert und aushöhlt, dabei damit die gesellschaftliche Akzeptanz schwächt, der gefährdet das Grundrecht auf Asyl. Und jeder Asylbewerber ohne echten Anspruch bindet Ressourcen, die dann tatsächlich schutz- und hilfebedürftigen Asylbewerbern fehlen.

„Scheitert die EU bei der Flüchtlingspolitik, ist sie am Ende.“

Ist das so? Der Klassiker, das „Ende der EU“-Untergangsszenario. Inklusive der Unterstellung, ohne die EU würde Europa ins finstere Mittelalter zurück fallen. Wird die EU Flüchtlingspolitik scheitern? So wie es momentan aussieht, wahrscheinlich ja. Wird die EU daran zerbrechen? Vielleicht … ich denke aber eher nicht. Sie wird sich eher verändern, von einer überidealisierten EU hin zu einer nüchternen, ernüchterten, bodenständigeren Gemeinschaft. Selbst wenn die EU als Konstrukt eines Tages scheitern sollte – was ich weder denke noch mir wünsche – wäre das nicht das Ende der Zivilisation … sondern eine Chance, es neu anzugehen und beim zweiten Mal besser zu machen.

 

Ich komme zurück zum Anfang. Wieder einmal wird – vor allem von Europapolitikern – mit Angstmachen argumentiert und politisiert. Was bei mir die entscheidende Frage triggert, „Warum?“ Warum eigentlich? Warum muss man mit angstmachenden Katastrophenszenarien arbeiten und argumentieren? Weil man sonst keine überzeugenden Argumente hat?

Doch jede Keule nutzt sich irgendwann ab, jedes Totschlagargument wird früher oder später blass, jede Killerphrase stumpf. Was dann bleibt, erscheint tatsächlich sehr dünn.

Angst ist ein schlechter Ratgeber … und pathosschwangere Katastrophenszenarien ganz sicher kein Weg zu guten Lösungen.

„Süddeutsche Zeitung stellt Realität auf den Kopf“

In der Diskussion über Flüchtlinge fehlt mir persönlich schon seit längerem die Balance. Es gab bisher eigentlich nur sehr polarisierende Meinungen.

Einerseits die braundumme Looser, die sich den Frust über die eigene Blödheit und Lebensuntüchtigkeit aus dem Hals schreien. Und auf der anderen Seite diejenigen, die behaupten, dass alle Flüchtlinge Parfüm furzen und jetzt endlich das goldene Zeitalter der regenbogenbunten Multikultihappening-„wir retten die Welt“-Gesellschaft anbricht.

Dabei hat es noch so viel dazwischen.

Medien müssen die Gesellschaft auf dem Weg, der vor uns liegt begleiten. Offen und ehrlich, wahrhaftig, facettenreich, meinungsvielfältig. Wenn Medien hier ihre professionelle Distanz verlieren und sich verleiten lassen, Partei zu beziehen, ist das sehr gefährlich. Denn dann verlieren sie Akzeptanz und verstärken die unsägliche Polarisierung.

Emotionale und tendenziöse Berichterstattung und medienübergreifend-uniforme Kommentare in die „richtige“ Richtung sind vielleicht nett gemeint … aber tatsächlich Öl im Feuer. Wenn sich die Bandbreite an Meinungen medial nicht mehr abbildet, wenn das Gefühl entsteht, Diskussion sein gar nicht möglich, wenn sich Menschen nicht mehr professionell informiert fühlen, wenn Un- oder Halbwahrheiten bekannt werden und die journalistische Integrität beschädigen.

Dann entstehen Verunsicherung und letztlich Angst. Und Angst können wir in der aktuellen Situation am wenigsten gebrauchen.

Deshalb ärgert mich manipulativer Journalismus mit falschen Fakten, wie aktuelle von der SZ betrieben. Siehe …

„Süddeutsche Zeitung stellt Realität auf den Kopf“, von Moritz Breckner im Medienmagazin pro

„Diese Bilder lügen“

Sehr lesenswertes Dossier in der aktuellen Ausgabe der ZEIT (#28, 9. Juli 2015) über tendenziöse Manipulationen von Pressefotos. Mit einer spannenden Auswahl an Beispielen … von gestellten Palästinensern bis zu Angela Merkels Schweißflecken.