Der Boden und die Sahne

Zur Zeit läuft in Deutschland eine grössere Anzeigenkampagne des Hessischen und des Rheinland-Pfälzer Apothekenverbandes. Titel „Die Wahrheit über Apothekenpreise“.

Darin sprechen die Apotheker ein spannendes und gesellschaftlich heisses Thema an. Hohe Arzneimittelpreise. Die Anzeige zeigt bildhaft sehr deutlich, wer wieviel bekommt. Die Botschaft dahinter (Zitat): „Wir bleiben am Boden. Die Früchte und die Sahne bekommen andere.“

Zugegeben, ich selber bin als Angestellter eines grossen Pharmaunternehmens zwangsläufig nicht ganz unvoreingenommen. Aber ich möchte trotzdem die Freiheit haben zu sagen, dass mich die Argumentation der deutschen Apotheker ärgert. Nicht, weil es wenig schmeichelhaft ist, dem fetten Teil des Sahnetörtchens zugeordnet zu werden. Zumindest nicht nur.

Dabei sind die genannten Zahlen absolut in Ordnung. Ich kann sogar die Motivation hinter der Anzeigenkampagne nachvollziehen, das Bedürfnis latenten unfairen Vorwürfen, sich angeblich mit den Krankheiten Anderer eine goldene Nase zu verdienen, mit klaren Fakten zu begegnen, und zu zeigen, dass der Apotheker einen kleineren Anteil bekommt als wiederum der Staat über die Mehrwertsteuer oder die Produzenten.

In den Erläuterungen geht es mir dann aber zu weit. Zitat: „Dafür erbringen wir [die Apotheker] das Gros der Leistung“. Mit Verlaub! „Das Gros“ der Leistung erbringen die forschenden Pharmaunternehmen!

Ich will die Leistung der Vertriebskollegen dabei nicht schmälern. Es ist heute tatsächlich in vielen Fällen kein Zuckerschlecken und keine Goldgrube mehr, selbständig mit einer eigenen Apotheke sein Geld zu verdienen. Und jeder Euro Gewinn für den Apotheker ist ein ehrlich verdienter und gerechter. Doch, den meisten Aufwand und grösste Vorleistung erbringt das Pharmaunternehmen. Forschende Pharmaunternehmen finanzieren ohne Garantie auf Erfolg in die Erforschung neuer Therapiemöglichkeiten. Forschende Pharmaunternehmen stecken einen unglaublichen Aufwand in die Entwicklung der Medikamente, in klinische Studien, in die Etablierung von Produktionsprozessen, in die Pharmakovigilanz. Forschende Pharmaunternehmen fertigen die Medikamente. Forschende Pharmaunternehmen unterstützen die Beratung der Ärzte und Apotheker mit Informationen. Forschende Pharmaunternehmen treten mit Milliardenbeträgen für einzelne neue Medikamente in Vorleistung und tragen alle Risiken alleine. Forschende Pharmaunternehmen brauchen wegen ihres relativen Anteils am Gewinn wahrhaftig kein schlechtes Gewissen haben.

Liebe Apotheker! Ich finde es in Ordnung, in den immerwährenden Gesundheitskosten-Diskussionen klar Position zu beziehen und den eigenen Blickwinkel beizutragen. Doch mit dem Finger auf Andere zu zeigen, ist weder konstruktiv noch in diesem Fall gerechtfertigt. Wir sitzen alle in einem Boot. Und jeder hat seine berechtigten Bedürfnisse, Erwartungen und Ansprüche. Und ein Törtchenboden alleine ist ohnehin ziemlich trocken.

Und dann gibt es noch … ja klar, die Patienten! Die hätten wir ja beinahe ganz vergessen! Das bringt uns zurück zu des Pudels Kern. Ärzte, Apotheker, Pharmaunternehmen … unser primärer gemeinsamer Auftrag ist die Gesundheit der Patienten. Oder? Ich würde vorschlagen, sich das jeden Arbeitsmorgen neu ins Bewusstsein zu rufen.

Also, liebe Apotheker, beim nächsten Versuch bitte ein bisschen weniger „wir gegen alle“.

Nachtrag:

Das Thema Preisfindung bei Arzneimitteln ist ohnehin ein sehr spannendes. Ich denke nur an die Dauerdiskussion im deutsch/schweizerischen Grenzgebiet, warum die Produkte schweizerischer Pharmaunternehmen in Deutschland billiger sind als in der Schweiz. Und die Deutschen wiederum fragen sich, warum das gleiche Medikament in den Niederlanden billiger ist als in Deutschland. Und die Niederländer …

Schaun wir mal … vielleicht greife ich das ja später noch einmal auf …