Die neuen Verkäufer

Hat mir sehr gut gefallen, deshalb erlaube ich mir frech das Nachplappern von „Die neuen Vordenker“ von Marcus Rohwetter, DIE Zeit Nr. 13 v. 17.03.2016, Seite 23.

Die Digitalisierung ändert alles. Sie fegt etablierte Geschäftsmodelle weg, lässt kleine Ladeninhaber vor großen Onlinehändlern erzittern. Taxiunternehmer vor Selbstfahrern. Hotelbesitzer vor allen, die irgendwo ein altes Sofa rumstehen haben. Und. doch kommt die moderne Zeit nicht mehr ohne eine uralte Berufsgruppe aus: die Verkäufer.

Nur verkaufen die neuen Verkäufer keine physischen Waren mehr. Sie verkaufen Ideen, Gedanken, Visionen und Vorstellungen von dem, was sein wird. Sie sind Spezialisten im Herbeireden der Zukunft, die rein zufällig optimal zum Geschäftsmodell ihres Arbeitsgebers passt.

Sie tragen Titel, die nie ein Mensch zuvor gehört hat: Enabler oder Evangelist, Chief Visionary Officer, Disruptive Officer oder, ganz simpel: Futurist. Je innovativer der Titel, desto neuer die Idee, die sie verkaufen. Das ist die hoffnungsfrohe Logik.

Am Ende aber wollen sie, was alle Verkäufer wollen: unsere Aufmerksamkeit. Und unser Geld.

Vorsicht bei Pathos

Schaut man zurück in die Weltgeschichte, dann fällt auf, dass Anführer immer dann mit besonders viel bedeutungsschwangerem Pathos argumentierten und schwadronierten … wenn sie keine echten Argumente hatten aber trotzdem zielstrebig die Massen auf ihre Seite ziehen wollten. Die dümmsten und fatalsten politischen Abenteuer wurden mit pathetischen Reden eingeleitet.

Deshalb lassen mich die pathos-schwangeren Argumentationen einiger führender europäischer Politiker in den letzten Wochen aufmerken. Folgte man Protagonisten wie Martin Schulz, Daniel Cohn-Bendit oder Jean-Claude Juncker, dann wäre ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone der Anfang des Endes der EU. Wenn nicht sogar der unwiderrufliche Untergang des Abendlandes.

Dabei werden großzügig die Mitgliedschaften in unterschiedlichen europäische Clustern miteinander gleichgesetzt. Dabei werden bewusst Pseudo-Zwangsläufigkeiten konstruiert. Dabei werden Irrtümer verbreitet, die Schulz und Co. offensichtlich sogar selber glauben, obwohl gerade sie es besser wissen müssten. Doch nichts ist gefährlicher als ein pathetischer Politiker, der sein aufgeblähtes Weltuntergangsgeschwafel selber glaubt.

Der erste Irrtum (oder besser Unsitte) ist, die EU mit Europa gleichzusetzen. Gehören die Schweiz und Norwegen nicht zu Europa, auch wenn sie keine EU-Mitglieder sind?

Der zweite Irrtum ist, die Euro-Zone mit der EU gleichzusetzen. Es gibt eine Reihe von EU-Staaten, die ohne Euro leben und deswegen weder ausgeschlossen sind noch sich so fühlen. Warum sollte eine Nicht-Euro-Mitgliedschaft Griechenlands zwangsläufig und grundsätzlich den Untergang oder das Ende der EU bedeuten (wie es wiederholt propagiert wurde) … während die Nicht-Euro-Mitgliedschaften von Großbritannien, Polen, Ungarn und Schweden ziemlich unaufgeregt daher kommen?

Der dritte Irrtum ist, einen Grexit zu verteufeln. Was soll das? Nochmal, es gibt eine Reihe anderer EU-Mitgliedern ohne Euro, und die brennen nicht im Höllenfeuer. Und es gibt einer Reihe respektabler Ökonomen, die plausibel und nachvollziehbar begründen können, dass ein Grexit weder das Ende Griechenlandes, noch der EU, noch der Welt wäre. Ganz im Gegenteil. Darüber hinaus ist das frühe kategorische Ausschließen einer Option ein Kardinalfehler bei Verhandlungen, ein absolutes No-Go, wie jeder weiß, der halbwegs professionelle Erfahrungen hat. Man schränkt sich von vornherein selber ein und nimmt einer kreativen Lösungsfindung Spielraum. Das ist eigentlich kleines 1×1 der Verhandlungsführung. Also, Setzen, 6!

Der vierte Irrtum ist, Ideale höher zu stellen als Vereinbarungen und Verträge. Das ist in der Geschichte schon wiederholt schief gegangen. Wie will man die Menschen in den Mitgliedsstaaten mitnehmen und ein Gefühl der Sicherheit geben, auf dem richtigen Weg zu sein, wenn getroffene Vereinbarungen nicht verlässlich gelten. Wenn pathetischer Idealismus jeden einseitigen Vertragsverstoß und egoistisches Verhalten einzelner Mitglieder entschuldigt? „Es geht doch um das große Ganze!“ Ja, klar. Nur besteht das idealistische „große Ganze“ aus lauter realen kleinen Steinen. Niemand will in einem Haus leben, das auf Sand gebaut ist, mag es noch so groß sein, noch so wunderschön angepinselt und noch so pathetisch beworben.

Jens Spahn sagte bei Anne Will ganz richtig, dass Europa realistischer werden müsse. Es habe berechtigterweise eine Zeit der „Pathos-Europäer“ gegeben. Diese sei nun aber langsam vorbei. (Video der Live-Sendung)

Nein, ich werde immer besonders vorsichtig sein, wenn mir Pathos begegnet. Er steht nicht für die Gestaltung der Zukunft, sondern für die Fehler der Vergangenheit. Pathos ist ein Warnsignal!

Jetzt kommt „Das Schlimmste“!

Bisher war es ja schon schlimm. Dann wurde es immer schlimmer. Doch jetzt. Jetzt droht „Das Schlimmste“!

Zumindest wenn man prominenten Meinungsmachern glauben darf.

Es ist ein Dienstag Abend im November 2011. Europa rotiert. Griechenlands Premier Papandreou kündigte eine Volksabstimmung über das – nur wenige Tage zuvor mit grossem Aufwand erreichte – Rettungspaket an. Die europäischen Kollegen sind echauffiert. Die Börsen machen das, was sie immer machen, nämlich überreagieren.

Nun wurde zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Wochen und Monaten medial über „drohende Dominoeffekte“, „Zerreißproben“ für das solidarische Europas, den möglichen Untergang des Euro und des Abendlandes überhaupt schwadroniert. Ein Untergangsszenario nach dem anderen war aufgerollt und durchdekliniert worden. Doch nun … in einer zugegebenermassen überraschenden und schwierigen aber noch lange nicht alternativlosen Situation … waren die üblichen sprachlichen Superlative bereits vorab verbraucht worden. Und die Presse scheint überfordert.

So sehe ich beispielsweise in einer grossen deutschen Abendnachrichtensendung den Brüsseler Korrespondenten von aufgeregten Politikern berichten. Dabei ringt er ob der Ereignisse selber erregt hyperventilierend um Worte, als wäre das Atomium kurz vor einer Kernschmelze. Wohl, um die „Dramatik“ der Situation auch körperlich auszudrücken. Sein Gegenpart, der „anchorman“ der Nachrichtensendung und selbst langjähriger Journalist und Korrespondent geht noch einen Schritt weiter.

Er bringt die ultimative Übertreibung. „Kommt jetzt das Schlimmste?“ höre ich den Journalisten seinen Kollegen fragen. Selbstredend, dass nicht ausgeführt wird, was denn „das Schlimmste“ überhaupt ist. Und für wen es „das Schlimmste“ wäre. Und was den wäre, sollte es sogar noch schlimmer als „das Schlimmste“ kommen. Die verbreitete journalistische Krisen- und Übertreibungsrhetorik nimmt Anlauf zum Purzelbaum.

Das ist schon bitter, wenn einem die Superlative ausgehen! Wohl tatsächlich das Schlimmste für einen Journalisten …