Selbstlob tut gut

Also … ganz im Vertrauen … ich lobe mich selbst. Nicht immer, aber immer wieder. Und es tut mir gut.

Ich lobe mich für kleine genauso wie für große Erfolge. Wenn etwas so wie geplant funktioniert hat. Wenn ich Meilensteine und Budget eingehalten oder sogar übererfüllt habe. Dann freue ich mich wie ein Schneekönig, bin stolz auf mich selbst, und sage mir das im Stillen auch: „Velten, hast Du gut gemacht!“

Jetzt ist es nicht so, dass ich von Anderen keine Anerkennung bekommen würde. Ich hatte meistens das Glück, Kollegen und Vorgesetzte zu haben, die mich und meine Leistung anerkannt und wertschätzen. Ich empfand dies immer als Privileg. Denn ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist und viele ohne diese Wertschätzung durch Andere auskommen müssen.

Und gerade dann ist es umso wichtiger, sich selber Anerkennung zu geben, die eigene Leistung selbst anzuerkennen. Die Freude über den eigenen Erfolg hat für mich auch etwas mit Selbstwert zu tun; der Wert, den ich mir selber gebe.

Offen gesagt dachte ich lange, es wäre völlig normal, sich über die eigene Leistung zu freuen. Selbstverständliches Mittel intrinsischer Motivation. Lob ist erwiesenermaßen der beste Motivator. Wenn ich mich selber lobe, motiviere ich mich selber. So empfinde und erlebe ich es. Das hat mich durch viele schwierige Situationen getragen.

Doch mittlerweile habe ich gelernt, dass es alles andere als normal und selbstverständlich zu sein scheint. Mir begegnen immer wieder Menschen, die ein echtes Problem damit haben, sich selbst zu loben, die eigene Leistung wertzuschätzen.

Ich denke aber, dass Erfolge nicht selbstverständlich sondern meist hart erarbeitet sind. Deswegen darf man auch selber stolz darauf sein! Nicht die selbstverliebte und gockelhafte Form des Eigenlobs … sondern berechtigtes inneres Selbstlob für reale Leistung. Kein Stolz, der die eigene Person überhöht. Sondern die Freude, dass man etwas Gutes abgeliefert hat.

Wenn ich mich selber und meine Leistung nicht wertschätze … warum sollten es Andere tun?

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In welcher Gesellschaft will ich leben

Ich habe schon seit längerem zwei konkrete Erwartungshaltungen an Politik und Gesellschaft in Deutschland.

Ersten möchte ich, dass jeder, der zu uns kommt – egal ob als Asylbewerber, Flüchtling oder Zuwanderer – und der sich in einer offenen Gesellschaft mit Freiheit und Selbstbestimmung ein neues Leben aufbauen will, dass der (oder die) bei uns bleiben kann und ausdrücklich geschützt wird.

Bin ich deshalb links?

Zweitens erwarte ich, dass jeder Zuwanderer, der auch nur im Ansatz …

  • in Worten oder Taten gegen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung agiert,
  • gegen bei uns geltenden Gesetz, Regeln und Verhaltensnormen verstößt, oder
  • von sich aus keine deutliche Bereitschaft zeigt, sich aktiv in die deutsche Gesellschaft und den herrschenden Kultur- und Wertekonsens zu integrieren

unser Land sofort und ohne Umwege zu verlassen hat.

Bin ich deshalb rechts?

Nach den letzte Tagen, mit einer Serie von enthemmten Gewalttaten Nizza, Würzburg, Reutlingen, Ansbach und Saint-Étienne-du-Rouvray, wird mir eines klar. Es gibt ein gemeinsames Muster. Die Gewalt geht von Menschen aus, die offensichtlich das Leben in einer offenen, freiheitlichen, vielfältigen Gesellschaft ablehnen und nicht schätzen. (München ist für mich ein anderer Fall, und deshalb werfe ich ihn bewusst nicht in denselben Topf)

Mit wird auch klar, dass die Grenze in diesen Tagen nicht verläuft zwischen Einheimische und Zuwanderern, Deutschen und Nichtdeutschen, Islam oder Christentum, Gläubigen und Atheisten, rechts und links, Orient und Okzident.

Nein, die Grenze in diesen Tagen verläuft zwischen Freiheitsliebenden und Totalitären.

Da gibt es auf der einen Seite …

  • „eingeborene“ Deutsche die ihr Leben in Frieden und Freiheit führen wollen
  • Flüchtlinge und Zuwanderer, die sich mit eigener Kraft und voller Freude ein neues Leben in einer offenen Gesellschaft aufbauen wollen

Und es gibt …

  • islamistische Betonköpfe
  • rechte Proleten
  • linke Radikale
  • Gewalt, Intoleranz, Totalitarismus, Hass, Mobbing

Wird sind in einem Kampf zwischen Menschen guten Willens und autoritären Fanatikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Menschen, die den Frieden schätzen, und Gewaltfetischisten. Und dabei ist es für mich vollkommen egal, ob die gewaltbereiten Totalitären islamistisch sind, oder rechts, oder links, dumm oder intelligent. In ihrer Gewaltbereitschaft, Intoleranz und Fanatismus sind sie vereint und stehen gegen die Gesellschaft, die ich liebe und in der ich mich wohlfühle.

Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Frieden sind nicht selbstverständlich, Die Form der Gesellschaft, in der wir leben ist nicht selbstverständlich. Entwicklungen gehen nicht zwangsläufig zum Besseren. Freiheit wurde unter Menschen noch nie geschenkt, sondern musste immer erkämpft und verteidigt werden. Das sind einerseits Binsenweisheiten, bei deren Aufzählung die meisten brav nicken … und doch ist uns die Konsequenz daraus oft nicht wirklich bewusst.

Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Frieden müssen verteidigt werden, jeden einzelnen Tag. Sonst haben wir sie nicht verdient. Wir gehe spannenden Zeiten entgegen. Gehen wir es an!

 


 

Siehe auch …

Kurzgebratenes zur Causa Böhmermann

Ja, ja, OK … ist momentan en vogue sich mit Herrn Böhmermann zu solidarisieren bzw. gegen Herrn Erdoğan zu positionieren.

Daher ist das hier jetzt vielleicht ein bisschen Me2 … doch es ist mir wichtig, und deshalb will ich es zumindest einmal gesagt haben.

Ging  Böhmermanns Gedicht zu weit? Ja!

Muss man das als grosser, starker Mann aushalten können? Ja sicher! Getreu dem Spruch: Was juckt es eine starke Eiche, wenn eine Sau sich daran wetzt.

Doch der „arme Herr Erdoğan“ – eine Runde Mitleid bitte!* – ist wohl eher mehr Zitterpappel als Eiche.

Nein, klare Ansage von mir: „I disapprove of what you say [Böhmernann], but I will defend to the death your right to say it.“ (Evelyn Beatrice Hall)

 

Kleiner Nebenkriegsschauplatz … aus dem Offenen Brief von Matthias Döpfner in der Welt vom 10.04.2016 zitieren:

„Sobald es gegen die katholische Kirche geht, ist das Lachen des Justemilieu programmiert. Es kann gar nicht respektlos und verletzend genug sein. […] Beim türkischen Präsidenten ist das anders.“

Ich selber habe sogar einst Dirk Bach als fernsehtaugliche Gott-„Parodie“ ertragen müssen … wie witzig!* … Schenkelklopfer!* Das Bild kriege ich bis heute nicht aus dem Kopf!!!


* Achtung Satire!

 

Links

Positiv in das neue Jahr – Fürchte Dich nicht!

„Fürchtet Euch nicht!“

… betitelt Jan Ross seinen Leitartikel in der ZEIT (#52 vom 23.12.2015), die Anlehung an die biblische Weihnachtsgeschichte als Kontrast zur Sicht auf „2015 als Jahr der Angst“.

Es folgt ein wirklich lesenswerter Text, den ich nur jedem empfehlen kann. Ich fand es bereits richtig gut, dass die Welt das Politikressort der Weihnachtsausgabe mit einer Artikelserie unter dem Motto „Es gab auch gute Nachrichten“ aufmachte. Jan Ross‘ Artikel hinterlies bei mir dabei  den stärksten Eindruck.

Ross vergleicht die politischen Krisen und Herausforderungen des Jahres 2015 mit der Situation nach der Weltwirschaftskrise vor 85 Jahren (Zitat): „Man muss sich klarmachen, wie angeschlagen die freie Welt Anfang der 1030er Jahre war: historisch in die Ecke gedrängt von den scheinbar kraftstrotzenden Ideologien Kommunismus und Faschismus, voller Selbstzweifel hinsichtlich der Erneuerungsfähigkeit des eigneen Wirtschaftssystems und der Zukunftschancen der liberalen Demokratie.“ Ross skiziiert, welch wichtige Rolle die Furchtlosigkeit und der  (resultierende) Mut zum Experiment des damaligen Präsidenten der USA, Franklin Delano Roosevelt, bei der Überwindung der dunklen Jahre spielten. Sein Fazit: Die historische Erfahrung lehrt, dass man mit Optimismus und Zuversicht besser fährt als mit Angst.

„Fürchtet Euch nicht!“ lässt sich aber nicht nur auf die politische Großwetterlage anwenden. Sondern sehr passend auch auf das Geschäftsleben und den Job. Einer meiner Lieblingssprüche lautet „Angst ist ein schlechter Ratgeber“. Ich nerve mein unmittelbares Umfeld längst damit, qweil ihc das immer und immer wieder sage. Aber es ist meine feste Überzeugung. Empfundene Angst taugt als passables Warnsignal, zum Beispiel für unausgesprochene Konflikte oder zu lösende Probleme. Aber Angst sollte nie  Entscheidungsgrundlage oder Motivation sein. Was man aus Angst tut oder unterlässt ist meistens falsch.

Ängste im Job gibt es viele. Angst vor dem Scheitern eines Projektes, Angst vor dem Scheitern eines Auftrages, Angst vor dem Verlust eines wichtigen Kunden, Angst vor einem schwierigen Kollegen, Angst vor einer Umstrukturierung, Angst vor einer Versetzung, Angst vor dem Jobverlust, Angst vor der Karrieresackgasse, Angst vor dem Chef, Angst vor dem Versagen, Angst vor Ablehnung und Gesichtsverlust. Ich kenne selber viele dieser Ängste. Da ist keiner von frei, egal wie abgebrüht er oder sie sich gibt. Und wer tatsächlich gar keine Angst spürt ist entweder dumm oder ungesund ignorant. Angst zu spüren ist nicht das Problem, sie kann ein wertvoller Indikator sein, dass etwas nicht richtig läuft.

Aber Angst zu folgen, sich von der Angst bestimmen zu lassen, die Angst als Grundlage von Entscheidungen und Handlungen zu machen ist definitiv der falsche Weg. Angst blockiert unsere Experimentierfreude und den Mut für innovative Lösungen und Wege.

Franklin D. Roosevelt sagte bei seiner Amtseinführung am 04. März 1933 folgenden Satz:

Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.

Daher ist „Fürchtet Euch nicht!“ ein großartiger Wahlspruch und ein ausgezeichneter Vorsatz für den Start in das neue Jahr.

Fürchte Dich nicht!

Positiv aus dem alten Jahr

2015 war ein gutes Jahr!

Es scheint auf den ersten Eindruck vielleicht nicht so und es gibt leider ausreichend Schlechtreder, die vor allem auf Krisen und Konflikte fixiert sind.

Aber es gab in 2015 viel Positives und Gutes auf das man zurückblicken darf. In der Ausgabe 52/2015 (23.12.2015) der ZEIT haben Hannes Soltau, Merlind Theile und Doreen Borsutzki einige bemerkenswerte Fakten zusammengetragen. (Onlineversion leider ohne Grafiken mit den Details)

Im Jahr 2015 ..

  • hatten weltweit mehr Menschen Zugang zu Trinkwasser
    (91% vs. 77% in 1990)
  • stieg die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit
    (71 Jahre vs. 65,3 Jahre in 1990)
  • gab es weniger Verkehrstote in Deutschland
    (2/3 weniger seit 1991)
  • gab es weniger hungernde Menschen weltweit
    (-17% seit 2004, -21% seit 1990)
  • sank die Kindersterblichkeit weltweit
    (mehr als halbiert seit 1990)
  • stieg die Beschäftigungsquote in Deutschland
    (siehe auch Statistik der Arbeitsagentur)
  • gab es weniger Schulabbrecher in Deutschland
    (5,6% vs. 9,6% in 2001)

Natürlich gab es in 2015 auch viele tragische Ereignisse und fatale Entwicklungen. Aber eben nicht nur. Wer das Gute ausblendet verliert die Gesamtsicht.

Ich selber blicke gerne und dankbar auf 2015 zurück. Es war für mich persönlich ein sehr gutes Jahr … und für die Welt gab es auch schon weitaus schlechtere.

Vielen Dank für diese Inspiration, liebe ZEIT!

Replik auf Jan Schweitzers „Uhrenvergleich“ in der ZEIT vom 23.04.2015

Zu „Uhrenvergleich!“, Beitrag von Jan Schweitzer, DIE ZEIT vom 23. April 2015, Seite 17.

„Apples neue Watch konnte mein Leben verändern. Konfliktfreier, sozialverträglicher und ruhiger wird es werden. […] seit ich ein iPhone besitze, habe ich ein Problem: Ich nerve andere Menschen, weil ich ständig auf mein Handy schaue. […] Mein iPhone wird häufiger in der Tasche bleiben, ein unschuldiger Blick zur Uhr ersetzt den schuldbewussten Griff zum Telefon. Und manchmal muss ich noch nicht mal schauen, weil die Apple Watch mir schon durch die Art des Klopfens signalisiert hat, was ansteht. Sie wird aus mir einen anderen Menschen machen, einen umfänglicheren, gesprächigeren – wenn erst mal die ersten zwei, drei Monate überstanden sind, in denen ich sicher so fasziniert von ihr bin, dass ich den Blick nicht von ihr werde lassen können.“

 

Lieber Herr Schweitzer,

 

bin ich „oldschool“, weil mich ihre Postitionsbeschreibung zur Apple-Watch völlig irritiert zurück lässt?

OK, Karten auf den Tisch, ich finde mit der smarten Uhr sieht der gängige Hipster einfach aus wie ein Playmobil-Männchen mit Bart. Das ist aber gar nicht der Ursprung meiner Verwirrtheit. An die zunehmende Präsenz grenzdebiler Gadgets, die einem beispielsweise sagen, wann man zu laufen und zu essen hat und wann man sich wohlfühlt, habe ich mich auch gewöhnt. Bin mittlerweile begeistert belustigter Beobachter der Lemminge.

Nein, mich haben zwei Dinge verwirrt. Zum Einen Ihr Anpreisen des unglaublichen Fortschrittes, dass man zukünftig seine Gegenüber nicht mehr durch das Herausziehen des Smartphones vor den Kopf stoßen muss, sondern das nun total innovativ durch regelmäßigen Blick auf seine Uhr tun kann … seinen Gegenüber vor den Kopf stoßen. Ich darf ganz offen mit Ihnen sein, dass für mich ein wiederholter Blick eines Gesprächspartners in Richtung seiner Uhr nicht unbedingt positiv besetzt ist, ganz und gar nicht „unschuldig“. Sondern eigentlich eine ein deutliches und herablassendes Zeichen von Desinteresse oder dass man eigentlich etwas anderes, viel wichtigeres zu tun hat. Das ist schon bei richtigen Uhren so, und ich kann nicht erkennen, warum sich das bei Smartwatches anders anfühlen sollte. Und ich weiß, dass ich mit dieser Wahrnehmung nicht alleine bin. Daher als kleiner Tipp, lassen Sie sich von ihrer neuen smarten Watch nicht zu häufigeren Blicken verführen. Mit gegebener Wahrscheinlichkeit kommt das weniger gut, als Ihnen vorschwebt.

Zum Zweiten – und das ist irritationstechnisch wesentlich gravierender – verstehe ich nicht, warum es so wichtig ist, ständig sein Gadget zu konsultieren, sei es das smarte Phone oder die smarte Watch. Was könnte man Angst haben zu verpassen, grüble ich. Was verursacht solch pathologisch zwanghaftes Verhalten, brüte ich. Bin ich daneben, weil ich nur selten auf mein Smartphone schaue, und ausschließlich, wann ich das will, und nicht wann das Gerät es mir sagt, dass ich gefälligst zu schauen habe? Gehört ferngesteuerten Lemming die Zukunft, weil die Uptodateness einen mir verborgenen Evolutionsvorteil verschafft? Verschwende ich mein Leben, weil vielleicht so unglaublich viel an mir vorbei geht? Verpasse ich den lebensveränderten Effekt der smarten Uhr?

Ich denke nicht.

Ich schaue weiterhin lieber Menschen in die Augen und höre ihnen zu. Das finde ich erfüllend und erhellend und wirklich lebensverändernd. Bitte sehen Sie es mir daher nach, dass ich mich mit großer Freude aus dem ganzen Apfel-hihihy (hippen-hinterherrenn‘-Hype) ausklinke. Bei Uhren bleibe ich gerne erwachsen … so richtig cool oldschool eben.

 

Mit besten Grüßen

Christian Velten

Keine Angst, liebe Docs: Fehler melden, rettet Leben

Die Relevanz mancher Dinge offenbart sich viel konkreter, wenn man selbst betroffen ist. Klinisches Qualitätsmanagement ist genau so eine Sache.

Vor längerer Zeit hatte ich eine OP, während der ein feinchirurgisches Instrument – ein winziger Bohrer – die Auseinandersetzung mit meinem Schädelknochen aufgab und abbrach. Kann passieren. Allerdings wurde der winzige abgebrochene Bohrkopf nie gefunden, nicht im OP und auch nicht beim der Suche per CRT.

Interessant war auch die erste Visite des operierenden Chefarztes nach der OP. Nach einigen Ausführungen zum generellen Operationsverlauf und -erfolg, hatte er sich eigentlich schon zum Gehen gewendet. Auf einen dezenten Stupser seiner assistierenden Oberärztin hin, dreht er sich jedoch nochmal zu mir, und informierte mich über das Ereignis; in meiner Wahrnehmung fast ein bisschen im Stil von „Ach-ja-da-war-ja-noch-was“. Die Verlegenheit war ihm deutlich anzusehen.

Soweit ging aber alles für mich OK. Das entscheidende war jedoch, dass es in meinem Fall keine interne Meldung des Vorfalls als kritisches Ereignis oder Beinahe-Schaden gab, wie gemäß klinikeigenem QM-System (Qualitätsmanagementsystem) eigentlich vorgeschrieben.

Fazit: Die Chance aus dem Vorfall zu lernen bzw. oder zumindest die Qualität des verwendeten Materials zu überprüfen wurde fahrlässig vertan. Im Ergebnis wurde das Folgerisiko ähnlicher Ereignisse nicht reduziert, und weitere ähnliche Fälle bei anderen Patienten können zukünftig nicht ausgeschlossen werden.

Aber woran war es gescheitert?

Das Klinikum, an welchem ich operiert wurde, hatte ein respektables QM-System implementiert und zertifiziert. Das zugehörige klinische Risikomanagement einschließlich anonymisiertem internen Meldewesen (CIRS) war zwar noch relativ jung, aber am Platz. Eigentlich waren Prozesse und Tools vorhanden, die eine vorgeschriebene Bearbeitung des unerwünschten Ereignisses erlaubt hätten.

Nein, ich denke hier war mal wieder „Culture eats strategy for breakfast“ (Peter Drucker) am Werk. Prozesse, Tools, Systeme, Strategien sind keine Lösung sondern nur Hilfsmittel. Und als solche sind sie Nichts in einer Kultur, in der die zugrundeliegenden Prinzipien und Werte nicht gelebt bzw. mit Überzeugung täglich umgesetzt werden. Ganz einfach gesagt, die nutzerfreundlichste Meldemaske im Intranet ist nur Makulatur, wenn sie keiner benutzt (z.B. weil man keinen Vorteil oder sogar Nachteile damit verbindet).

Aus meiner Sicht haben Menschen versagt, aus unterschiedlichen Gründen.

Erstmal habe ich selber, der Patient, versagt, weil auch ich in der Pflicht war, das Ereignis zu melden. Möglichkeiten, dies anonymisiert zu tun, waren vorhanden und ich war ausreichend darauf hingewiesen worden. Sicher hat man nach einer schwerwiegenden OP oder Behandlung erst einmal andere Probleme. Doch auch ich war in der Pflicht.

Und selbstredend hatte das gesamte medizinische Fachpersonal versagt, vom operierenden Chefarzt über die assistierenden Mediziner bis zu den beteiligten Krankenpflegern. Jeder Einzelne von ihnen wäre definitiv verpflichtet gewesen, das kritische Ereignis zu melden. Meiner Meinung nach war Angst der wesentliche Motivator, dies nicht zu tun. Angst vor Reputationsverlust, Angst vor einer möglichen Patientenklage, Angst vor Regressforderungen der Krankenkassen für notwendige Folgeuntersuchungen (z.B. CRT zum Aufspüren des verlorenen Bohrkopfes), Angst des Untergebenen vor möglichen Repressalien des Chefs, Angst vor Veränderungen aufgrund von resultierenden Risikovorbeugemaßnahmen, Angst vor der eigenen überzogenen Selbstwahrnehmung als Arzt, der keine Fehler macht bzw. machen darf. Nun ist Angst ohnehin – davon bin ich zutiefst überzeugt – grundsätzlich ein schlechter Ratgeber. Im vorliegenden Fall wirkte sie sich jedoch fatal aus, weil sie Menschen mit konkreter Verantwortung davon abhielt das Richtige und Notwendige zu tun. Und weil sie beispielsweise verhinderte, dass die Qualität der verwendeten chirurgischen Bohrer hinterfragt und überprüft wurde.

Letztlich hatte auch die Klinikleitung versagt, weil sie es nicht geschafft hatte, eine Kultur des offenen Umgangs mit Fehlern zu schaffen, ohne die kein klinisches Risikomanagement funktionieren kann. Leider findet man noch sehr oft Ressentiments seitens des klinischen Personals gegenüber Qualitätsmanagement und – instrumenten. Diese werden immer wieder nicht als Chance sondern als Last betrachtet. Es braucht einen echten top-down-approach, um diese Sichtweise zu ändern.

Für mich als betroffenem Patienten war nicht das Ereignis an sich schlimm. Bohrköpfe können brechen und Mediziner sind auch nur Menschen. Ich finde schlimm, dass Angst, Hybris und Faulheit einen Lerneffekt behindern, der es erlaubt hätte, das Risiko von ähnlichen Folgeereignissen zu vermindern. Ein Folgerisiko, dass auch mich selber wieder treffen kann.

Daher habe ich mir vorgenommen, dass – sollte ich wieder einmal von einem unerwünschten Ereignis oder Fehler  konfrontiert sein – die Situation ohne Scheu anzusprechen und aktiv das Lernen daraus einzufordern. Schon in meinem ganz ureigenen Interesse.

Klinisches Qualitäts- und Risikomanagement machen nur Sinn, wenn alle mitmachen.

 


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