Löchriges Peer-Review System

Das Peer-Review-prinzip für wissenschaftliche Publikationen ist in der Theorie eine gute Idee. In der Praxis jedoch gibt es immer wieder Löcher im System. Hier ein aktueller Fall bei Retraction Watch 

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Welche ist die bessere Publikation?

Wie kann man den Wert einer wissenschaftlichen Publikation messen?
Woran kann ich in einem Stapel Paper die wichtige(re)n erkennen?

Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftler, Forschungsförderer und Nutzer wissenschaftlicher Information seit Jahrzehnten. Aber außer dem etablierten Science Citation Index ist bisher nicht viel dabei herausgekommen.

Beim Science Citation Index wird der Wert einer Publikation über einen Relevanzgrad für das Journal ermittelt. Je öfter Publikationen in einem „peer-reviewed“ Journal von anderen Publikationen zitiert werden, desto mehr Punkte bekommt dieses Journal (den sogenannten „Impact Factor„).

Die Annahme ist, dass Publikationen, die öfter zitiert werden, wichtiger seien und hochwertigere wissenschaftliche Aussagen enthalten. Und ein Journal, welches mehr öfter zitierte Publikationen enthält, hätte damit einen höheren Stellenwert. Gemessen wird die Wertigkeit also über den Umweg des grundsätzlichen Stellenwertes einer wissenschaftlichen Zeitschrift.

Doch sind diese ganzen Annahmen so richtig? Wer ein grösseres wissenschaftliches Team hat, dadurch viel publiziert und sich dabei selber fleißig zitiert, hat schon einen Vorsprung. Genauso, wer viele wissenschaftliche Freunde hat, gut vernetzt ist und deswegen öfter zitiert wird. Genauso, derjenige, der eher die Lehrmeinung vertritt oder für Kollegen passende Daten veröffentlicht, gegenüber einem Kollegen mit abweichender Meinung oder Daten. Und so weiter, und so weiter …

Der Bekanntheitsgrad und die Vernetzung in der wissenschaftlichen Community können also mindestens genauso wichtige Faktoren sein, wie die Publikationsqualität. Der Citation Index ist daher ohne Zweifel ein ausgezeichnetes Mittel, um die „Gurus“ und (key) opinion leader eines wissenschaftlichen Feldes zu ermitteln.

Bei der inhaltlichen Bewertung muss der Citation Index aber scheitern. Denn gute Vernetzung und wissenschaftliche Etabliertheit sind nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal für einzelne Publikationen.  Ich wage sogar zu behaupten, dass es Beispiele gab, bei denen es genau umgekehrt war. Und wichtige oder neue wissenschaftliche Ergebnisse und Erkenntnisse sind eben oft auch in Publikationen von Journalen enthalten, die im Zitatranking weiter unten stehen. Die neuen, reinen Onlinejournale fallen sogar ein Stück weit komplett aus dem Raster.

Deswegen ist der Citation Index schon seit langem nicht nur fest etablierter Bestandteil der wissenschaftlichen Systeme, sondern auch in der Kritik. Weil er eben direkt über den wissenschaftlichen Stellenwert einer einzelnen Publikation doch wieder nichts aussagt. Auf der anderen Seite hat bisher niemand ein besseres System gefunden. Und ich gehe mal davon aus, dass sich schon viele extrem schlaue Köpfe reichlich Gedanken darüber gemacht haben.

Science's Genealogy by M'hamed el Aisati/Academic and Government Products Group (Elsevier), Amsterdam; Katy Börner and Angela M. Zoss/Indiana University

About 39,000,000 papers were published in scientific journals between 1817 and 2010. To map the explosion of research, technology analyst M’hamed el Aisati graphed unique publications based on information in Elsevier’s Scopus database.

Zugegeben, die Fragestellung ist wirklich nicht trivial. Und mit der ansteigenden Menge wissenschaftlicher Publikationen verschärft sich das Problem von Jahr zu Jahr. Wie findet man in der Publikationsflut bloß das, was wirklich wichtig ist? Ist das Zitatranking tatsächlich das einzige probate Mittel, um Wertigkeiten – zumindest in Annäherung – zu ermitteln?

Ich habe mir vorgenommen, mich ein wenig mit diesem sehr spannenden Thema zu beschäftigen. Die ersten Arbeiten zum Thema stapeln sich schon auf meinem Tisch.

Ich verspreche, meine Erkenntnisse und Ideen an dieser Stelle zu teilen. Und ich lade ganz herzlich dazu ein, sich an der Diskussion darüber zu beteiligen, was eine gute wissenschaftliche Publikation ausmacht, und wie man dieses „was“ messen könnte.

Ich freu mich drauf.

Interview mit Alexander von Gabain, CEO der Intercell AG

durchgeführt 2003

Herr von Gabain,
besonders spannend bei Intercell finde ich die Vielzahl von hochwertigen Kooperationen und Partnern? Wie sind Sie vorgegangen, um potenzielle Partnern anzusprechen und diese für sich zu interessieren?

Das ist tatsächlich eine sehr wichtige und zentrale Frage in der gesamten Biotech-Industrie: wie bekomme ich Partner und worauf lege ich dabei wert? Ich glaube wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass sich die europäische Biotech-Industrie in einem Konsolidierungsprozess befindet. Und ein Bestandteil dieses Konsolidierungsprozesses ist, dass man bei der Partnersuche realistischere und ehrlichere Strategien wählen muss.

Die klassische Strategie, die vielleicht in einer Boom-Phase auch etwas zu sehr ausgereizt wurde, ist, dass man an eine Pharmafirma der großen Klasse herantritt und – so ein bisschen neudeutsch gesprochen – sie „anmacht“, um unbedingt zu einer Vereinbarung zu kommen. Meistens geschieht so etwas mit sehr großen Zahlen, die sich aber oft gar nie erfüllen. Also beispielsweise milestone-agreements, die bis ins Jahr 2010 in der Summe 40 Millionen Euro bringen sollen, sowie eine möglichst große upfront-Bezahlung, die außer Frage ganz gut zu Buche schlägt. Aber wenn dann später die Technik nicht das gehalten hat, was versprochen wurde, schadet das der Wirtschaft, den Finanzmärkten aber auch dem Image der ganzen Industrie.

Was wir dagegen versuchen, ist, dass wir gezielt die Fachspieler im Gebiet – das sind in unserem Fall die Impfstoffindustrien – ansprechen und ihnen unsere Technologien vorstellen, nämlich das Identifizieren von Antigenen und Substanzen, welche die natürliche Immunität initiieren und stimulieren. Und anstatt in einem zweiten Schritt von diesen ‚Mitspielern’ Millionen Euro upfront und riesige milestone-agreements – basierend auf heißer Luft – zu fordern, sagen wir, dass wir ihnen unser Produkt für eine sehr enge Indikation – z.B. eine einzelne Krankheit – und für eine relativ kurze Zeit – so 6-9 Monate – zur Verfügung stellen, um damit zu spielen. Aber nicht einfach herumspielen, sondern nach einem gemeinschaftlich erstellten Schlachtplan. Ein Beispiel hierfür sind die Tests in den Labors von Merck oder von Novartis, bei denen an Versuchstieren erprobt wird, ob unsere Substanzen etwas taugen oder nicht. Wir sorgen dafür, dass die Partnerfirma dann auch tatsächlich proaktiv von uns flankiert in ihren Hallen diese Experimente durchführt, was für den Partner effektive Investitionen zur Konsequenz hat. Aber die Intellectual Property bleibt bei uns. Das heißt, wenn es sich herausstellt – und dass hat es bisher in den meisten Fällen getan – dass die Ergebnisse der Versuche viel versprechend aussehen, dann erst sagt der Partner, dass er es wirklich haben möchte, und dann hat man auch eine ehrliche Verhandlungsbasis für eine gemeinsame Vereinbarung und verkauft nicht die berühmte Katze im Sack.

Das ist zum Teil sogar schon die Beantwortung meiner nächsten Frage, wenn sie sagen, wir gehen da geradliniger vor, offener, ehrlicher, vielleicht ein stückweit fairer. Denken sie, dass dies auch der Punkt ist, der Intercell wiederum für ihre Partner– also von der anderen Seite betrachtet – interessant macht?

Ja, weil ich denke, dass wir uns alle darüber klar sein müssen – auch selbstehrlich und durchaus auch mit einer gewissen Demut in diesem Gebiet – dass neue Technologien, wie IT oder die Biotechnologie, nicht automatisch funktionieren. Was man an der Laborbank testet und entwickelt, kann zunächst mal sehr vielversprechend aussehen. Aber es muss in professionellen, präklinischen und dann hoffentlich bald später in klinischen Modellen wirklich validiert werden.

Es muss ein echter value da sein.

Richtig. Und ich glaube, man schafft keinen value, also keine Wertschöpfung, indem man einfach sein Produkt präsentiert wie ein Kartenspieler, der wie beim Poker alleine in seine Karten schaut und sagt „wieviel bist Du bereit zu geben?“ Das war leider ein bisschen die Philosophie der Vergangenheit. Ich will jetzt nicht alle über einen Kamm scheren, aber es gab viele, bei denen ich sage muss, dass sie unehrlich waren, weil bereits Fachleute im entsprechenden Gebiet, die es auch probiert hatten, wussten, dass es so gut gar nicht sein kann. Aber in dieser allgemeinen Hektik vor 2 bis 2,5 Jahren haben natürlich viele kleine Firmen ihre Produkte so präsentiert. Zunächst ist das natürlich ganz schön. Da kommt zuerst eine halbe Millionen und dann eine weitere oder sogar 2 Millionen upfront drauf – aber der spätere Schaden, wenn dann der große Partner sagt, also der Firma X kannst Du überhaupt nicht trauen oder das Produkt kannst Du abschreiben, ist für die individuelle Partnerschaft genauso wie für die ganze Branche sehr groß.

Sie sind mit der Gründung von Intercell damals als Wissenschaftler den Gang in die Unternehmensgründung gegangen. Gab es Dinge, die Sie im nachhinein vielleicht anders gemacht hätten? Und was hat sie damals an dem Schritt gereizt?

Ich will ganz offen sein. Was mich gereizt hat war, nach einer erfolgreichen und sehr zufrieden stellenden wissenschaftlichen Karriere, die mich durch Top-Schulen gebracht hatte – Heidelberg, Stanford, Karolinska Institut, das Vienna Biocenter – in meinem Lebensabschnitt mit Anfang 50 noch einmal etwas ganz Neues zu probieren. Und ob man etwas nachträglich, wenn man es noch mal täte, besser hätte tun können, ist eine gute Frage. Nur, es ist ein Lernprozess ist, eine Firma aufzusetzen. Und das ist etwas was ich mir sogar schon in der Wissenschaft hinter die Ohren geschrieben hatte: jeden Fehler darf man einmal machen, aber nicht zweimal.

Natürlich, immer wenn man etwas Neues probiert, geschehen auch Fehler. Aber ich glaube, zwei Dinge haben mich bisher sehr glücklich gehalten. Zum Einen, dass ich mich nachhaltig entschieden habe und nicht den Fehler vieler Kollegen in Europa begangen habe, ein bisschen Professor und ein bisschen CEO zu sein. So wie ein bisschen Schwangerschaft – das gibt es nicht. Ich habe meinen Lehrstuhl verlassen und habe mich eindeutig für die Firmengründung entschieden. Und das zweite ist, dass ich sehr schnell verstanden hatte, dass wenn man etwas ganz Neues anfängt, man immer eine Mischung aus Pionier und Lehrbub ist. Das Selbstvertrauen des Pioniers habe ich von meiner vergangenen wissenschaftlichen Karriere. Aber als Lehrbub habe ich in den frühesten Stadien erkannt, dass ich hochkarätige Experten aus Finanzen, Wirtschaft, Pharma dazu holen muss, um wirklich die Nachhaltigkeit aufbauen zu können, die man in einer solchen Firma braucht. Ich glaube, die Wissenschaft ist das wichtigste Startkapital einer solchen jungen Firma, aber schon an der zweiten Stelle kommt das erstklassige, erfahrene Management, und das habe ich natürlich als Professor nicht mitbringen können. Das konnte ich mir nur durch Überzeugungsarbeit an Bord holen.

Es wird immer kritisiert, dass der Wissenschaftler an sich nicht unbedingt prädestiniert ist, zum geschäftlichen Manager, weil ihm gewissen Bereiche in der Ausbildung einfach fehlen. Aber da wären Sie ja quasi ein Gegenbeispiel.

Ja, aber ich glaube, dass mir dies wahrscheinlich bisher gelungen ist, weil ich immer bereit war, in jeden Abschnitt, den ich weiter gegangen bin, zu sondieren, welche Fachkenntnisse fehlen, welches Know-how ich noch brauche … und auch bereit war, zu lernen. Ich meine, wenn man sein Leben lang in einem System erfolgreich war, ist die Gefahr, dass man dieses „Kostüm“ was man da anhat, allen anderen „Körperformen“ überstülpen möchte. Und ich meine, wie die Realität bei der Mode zeigt, sieht ein bestimmtes Kleid bei einer Frau sehr gut aus, aber ohne Umschneidern übergestülpt bei einer anderen nicht. Und hier muss man wirklich den Mut eines Modeschöpfers haben, und sagen, dass in bestimmten Bereichen einfach andere Eigenschaften gefragt sind. Und da muss man sehr schnell dazu lernen.

Wenn ich mir einen jungen Wissenschaftler vorstelle, der sein Leben bisher in der Akademie verbracht hat, und der jetzt anfängt mit dem Gedanken zu spielen, ein beliebiges Unternehmen in der Biotech-Branche  zu gründen. Vielleicht auch aus einem ähnlichen Antrieb wie Sie, dass er sich dabei auch ein Stück weit persönlich weiter entwickeln will. Welche Hürden sehen Sie für diesen jungen Wissenschaftler bei seinem Gang in die Wirtschaft?

Ich glaube, die größten Hürden ist, dass – wenn man in der Wissenschaftswelt erfolgreich angesiedelt ist – die Aktie mit dem meisten Wert die Ich-Aktie des Achievements ist. Ich sage es mal auf die Spitze getrieben: in einem guten Universitäts-Department – ich meine in der besten Form, wie wir es leider in Zentraleuropa zu wenig haben – kann ich mir als Chairman oder Ordinarius unter 6-8 jüngeren Professorenkollegen inklusive den jüngeren Gruppenleitern/Assistant Professors eine handvoll von sehr schwierigen Individualisten leisten, vorausgesetzt dass das Produkt, was dann entsteht, nämlich die Positionierung des Institutes, erfolgreich ist. Ich kann mir dann sagen, dass das zwar psychologisch sehr schwierige Charaktere sind, die mit den Kollegen nicht richtig zurecht kommen und die nicht immer einfach im Umgang mit den eigenen Mitarbeitern sind, aber sie publizieren eben jedes Jahr drei Nature-Artikel. Oder ich gehe noch ein bisschen höher und gehe davon aus, dass nach 10 Jahren kommt ein Lasker-Award oder Nobelpreis aus dem Institut heraus kommt. Ich kann also die manchmal auch gegenproduktiven psychologischen Elemente in einem Forschungsinstitut dann verkraften, wenn ich davon ausgehe, dass diese starken Persönlichkeiten als hochbegabte Spezialisten dort wo sie graben fündig werden und so helfen, das Institut erfolgreich zu machen. Die Aktie ist sozusagen die internationalen Wertschätzung des Instituts, und da stellt sich tatsächlich heraus, dass starke Charaktere für die Wertschöpfung dieses Systems gut sein können.

In der Forschung und Entwicklung in einer Biotech-Firma ist es dagegen absolut wichtig, dass ein Konsens darüber entsteht, wo die Firma hin will. Und wenn dann einer sagt, dass das „Ich“ ihm wichtiger ist – beispielsweise die eigene Leistung oder Profilierung – als die gesamte Firma, kann das zu einer Katastrophe führen. Anders ausgedrückt, in einer Biotechfirma müssen sie Leute ansiedeln, die insgesamt konsensfähig sind. Ich will damit nicht sagen, dass man keine starken Charaktere ansiedeln kann, aber es muss trotzdem deutlich sein, dass das Teamwork oder – wenn wir die Musik als Beispiel nehmen – die orchestrale Musik wichtiger ist als der einzelne Solist, der Glen Gould, den sie da mitschleppen wie in einem Universitätsinstitut.

Denken Sie, dass die akademische Ausbildung nicht genügend vorbereitet auf das was außerhalb der Akademie noch sein wird? …

Ja!

… Im Prinzip sind die Leute ja darauf trainiert, sich so (individualistisch) zu verhalten.

Meiner Meinung nach ist die eine Gefahr, dass man, je länger man in diesem Sektor konditioniert wird, nicht mehr heraus kann. Dass man sozusagen glaubt, dass hohe Leistung und Außerordentliches nur zustande kommt, wenn man es mit extremen Charakteren zu tun hat, und diese Philosophie auch in der Firma ansiedeln möchte. Doch das ist für Firmen oft katastrophal.

Und das zweite ist vielleicht auch, und das war ja ihre Frage: ist man gut konditioniert als lebenslanger Akademiker? Das Problem ist natürlich, dass in einem akademischen Leben Zeit nie an Geld gemessen wird. Ein gutes akademisches Institut hat zwar auch Konkurrenzdruck, in der Form, dass ein Konkurrent seinen Artikel schneller veröffentlichen könnte. Aber abgesehen davon, wird alles andere nie unter dem Aspekt gesehen, ob die Ressourcen, die gegeben sind, sinnvoll einsetzt werden. In einer Biotech-Firma muss ich eigentlich jede Minute, jedes Reagenzglas, jedes Kapital-Investment was ich mache, jede Person, die ich einstelle, unentwegt darauf abscannen, ob das im Rahmen der geplanten Wertschöpfung wirklich ein sinnvoller Schritt ist?!

Kleines Beispiel sind die vielen Stunden, die Top-Wissenschaftler in Institutskonferenzen, Fakultäts- und Senatssitzungen bis Mitternacht zubringen und sich zu Tode diskutieren. In einer Firma würde man stattdessen vielleicht nach einer Stunde sagen, „wir haben einfach nicht den richtigen Informationsstand und wir müssen ein Subkomitee mit ausreichender Befugnis einsetzen“. Und haben auch den Mut, die Ergebnisse dieses Kreises zu akzeptieren, und sie nicht erneut in Frage zu stellen. Die ungezählten Stunden, Nächte, Arbeitstage, wo in solchen Gremien irgendwelche Dinge zu Tode diskutiert werden, sind nur zu erklären, weil nie jemand ausspricht, wie viel eigentlich eine Professorenstunde, eine Assistentenstunde, eine Doktorandenstunde im Gremium kostet. Während in einer guten Biotech-Firma hoffentlich ein CFO sagt, „Kinder, wenn ihr 5 Stunden diskutiert, dann ist das 0 Wertschöpfung für die Firma“. Das muss man als Akademiker akzeptieren.

Für einem Wissenschaftler, der sich eine zeitlang in der Industrie engagiert hat, vielleicht nicht nur im Bereich R&D sondern auch im Management oder Marketing, ist es heute im Prinzip so gut wie unmöglich, den eigenen Weg später wieder einmal zurückzuschwenken Richtung Wissenschaft. Denken Sie, dass das man daran etwas ändern sollte? Das könnte ja auch so eine Art Erfahrungsreflux sein in die Akademie.

Also wenn sie mich ehrlich fragen, gibt es zwei wichtige Aussagen, die man für sich selber machen muss, wenn man die Akademie verlässt und sich in eine Firma einbringt. Erstens, tu es mit einer Vorwärtsperspektive und frag nicht wie könnte ich später wieder in die akademische Forschung zurück kommen. Denn es ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen in Europa, die immer noch sehr konservativ sind, gar keine Frage, dass die Wahrscheinlichkeit vor allem für jüngere Akademiker, die noch nicht ausgereift waren, sehr gering ist, dass man nach 5 Firmenjahren wieder bei irgendeinem Lehrstuhl anklopfen kann oder bei einem Max-Planck-Institut, um zu sagen „bitte gebt mir wieder einen Job“. Ich glaube, da muss man einfach ehrlich sich selbst gegenüber sein.

Und das zweite ist, dass das man im industriellen Umfeld lernen wird, einem erstaunlich neue Kompetenzen und Qualifikationen geben wird, die man in die Biotech-Welt des Kontinents Europa mit Sicherheit an irgendeiner Stelle – vom Journalismus über Banken über Venture Capital über Big Pharma über die Gründung der nächsten Firma – wieder einbringen kann. Das muss die Perspektive sein. Die Perspektive muss nicht sein, „wie komme ich zurück?“ Sondern „wie kann ich mich so qualifizieren, dass wenn die eigene Bude nicht gut läuft“ – was ja durchaus eine hohe Wahrscheinlichkeit hat – „ich meine Erfahrung in die nächste Bude einbringen kann?“

Was sie aber ansprechen, ist eine darüber hinaus gehende Frage. Es wäre natürlich für die Universitäten, Max-Planck-Institute, EMBO-Labors und Grundlagenforschungsinstitute Europas ein Segen, wenn sie Leute, die einmal eine Firma geführt haben, in den akademischen Bereich zurückholen würden, um mitzuhelfen, die verkrusteten Strukturen vieler solcher Institutionen in Europa neu zu gestalten. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich glaube, wenn man mich mit dem was ich heute kann zum Direktor eines öffentlich-rechtlichen Forschungsinstituts machen würde, hätte ich wahrscheinlich mehr Chancen, neue Strukturen auch in der dortigen Wissenschaft zu entwickeln, als jemand, der noch so guter Wissenschaftler war. Da können wir nur von Amerika lernen. Dort sind die Präsidenten, Dekane und oft auch Institutsdirektoren von angesehenen Universitäten oft Leute, die zwar mal gute Wissenschaft gemacht haben, aber in der Wirtschaft Zwischenerfahrungen gesammelt haben.

Herr von Gabain, sie  sind als Biotechunternehmer in Europa platziert. Welches sind aus Ihrer Sicht die elementarsten Forschungs- und Entwicklungsbarrieren innerhalb Europas?

Das ist wirklich eine wichtige und zentrale Frage. Die europäische Politik – gleichgültig ob Stadt, Land, Republik oder Brüssel – muss es als Kernproblem erkennen, dass die Firmengründungen von kleineren und mittleren Firmen günstigere Rahmenbedingungen brauchen – gar nicht so viele Subventionen, vor allem günstigere Rahmenbedingungen. Beispielsweise leichtere Chancen, jemandem zu kündigen. Oder der berühmten One-stand-job, wo ich nur zu einer Stelle gehen muss, wenn ich eine Firma gründen will, wie beispielsweise bei uns in Wien, und nicht zu 20 verschiedenen Behörden. Wir brauchen eine echte Europäisierung und nicht nur Deklarationen. Wenn heute jemand ein Haus in Schweden verkauft und als Manager nach Wien geht, gibt es so viele klein Steuerregeln, dass er das Haus mit Verlust verkaufen muss, weil er als jemand, der das Land verlässt, im Gegensatz zu einem Einheimischen das Haus nicht untervermieten darf, ohne dass es steuerrechtlich als Gewerbe gilt. Solche Beispiele und Geschichten höre ich viele von Leuten, die innerhalb Europas mobil sind. Wenn sich also in der Mobilität des Arbeitsmarktes und den rechtlichen Rahmenbedingungen nicht bald eine Nachhaltigkeit entsteht in Europa, wird Europa  systematisch Werte zerstören. Noch hat Europa – verglichen zu Amerika – eine unglaublich gut ausgebildete junge Bevölkerung, noch hat es sehr gute Universitäten und Foschungsstätten. Aber eine sich daran anschließende Wertschöpfungskette wird es nicht geben, wenn die Rahmenbedingungen nicht dauerhaft verbessert werden.

Ich stimme Ihnen da zu – wenn ich zum Beispiel auch an die Geschichte der Umsetzung der Europäischen Patentrichtlinie denke oder an die Vielzahl nationaler Regulierungen mit denen international operierende Biotechfirmen konfroniert sind. Aber jetzt stecken wir da aus meiner Sicht in einem Dilemma. Wenn wir weniger nationale Regelungen fordern und dafür mehr internationale, das ist doch  den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Da wäre meine Frage: brauchen wir wirklich mehr internationale Standards und Regulierungen oder einfach nur weniger nationale?

Es wäre das größte Eigentor der europäischen Geschichte, wenn wir die überregulierten nationalen Regelwerke, die – wie jeder Wallstreet-Analyst erkennt – Europas Wirtschaft lähmen, durch Brüsseler Regelungen ersetzen. Ich will damit sagen, Brüssel müsste eigentlich anstatt neue Regelungen zu schaffen, eher dafür sorgen, dass es sich zum Promotor macht, die Regeln in den Nationalstaaten abzubauen. Oder anstatt auf irgendwelchen Staatsmännertreffen großspurig zu verkünden, wir würden Amerika in 10 Jahren überholen, wäre es viel besser, dieselben Staatsmänner würden der Brüsseler Kommission den Auftrag geben, die Grundlagen zu schaffen, damit kleine Firmen beispielsweise vernünftig Aktienoptionen an ihre Mitarbeiter vom Nordkap bis nach Sizilien ausgeben können. Sie wissen ja: wenn sie in vielen Ländern Europas als Mitarbeiter eine Option bekommen, müssen sie dies als Einkommen deklarieren, obwohl die Aktie – gerade zu heutigen Zeiten – noch nicht mal verkaufbar ist. Und wenn ich jetzt irgendeinem tüchtigen Technischen Angestellten am Ende des Jahres Aktien im Gegenwert von 20.000 € gebe, muss der Arme mit österreichischen Steuerregeln auf 40% davon Steuern zahlen, weil das als Einkommen gilt, obwohl die er die Optionen vielleicht die nächsten 4 Jahre gar nicht einlösen kann.

Herr von Gabain, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

Erstveröffentlicht im Juni 2003 durch Laborjournal.

Aufspringen auf den Tenure Track

Interview mit Prof. Dr. Gottfried Schatz, Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates, durchgeführt 2002

Dr. Schatz kritisiert offensiv, dass die Systeme der universitären Ausbildung und Forschungsfinanzierung in den europäischen Staaten die Entwicklung wissenschaftlicher Spitzenqualität (excellence) hemmen. Aus seiner Sicht werden Forschungsgelder nach dem Gießkannenprinzip zu breit verteilt, statt gezielt zu fördern. Auch akademische Dauerstellen und die starren universitären Hierarchiestrukturen in Europa sind ihm ein Dorn im Auge. Dr. Schatz ist ein begeisterter Befürworter der Einführung eines tenure track Systems an europäischen Universitäten, und erwartet davon eine höhere Flexibilität für Wissenschaft und Ausbildung genauso wie klarere Zukunftsperspektiven und bessere Chancen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler.

Ich hatte die Gelegenheit, Dr. Schatz im Anschluss an die Handelsblatt-Tagung „Trends in Biotechnology“ (Wien, November 2002) zu interviewen, bei der er einen Vortrag zum Thema Europäische Barrieren in der Forschung gehalten hatte:

Herr Dr. Schatz. Sie rütteln an den Pfeilern des akademischen Systems, wie es in vielen zentraleuropäischen Ländern festgefahren ist. Sie mahnen strukturelle Änderungen genauso an wie ein neues Denken in der Nachwuchsförderung.

Welches Feedback bekommen Sie von Ihren Kollegen und aus der Industrie auf Ihre Vorschläge? Wie werden Ihre Kritikpunkte aufgenommen?

Die Unterstützung von außeruniversitären Kreisen ist fast ausschließlich sehr positiv und ohne Vorbehalte. Die Unterstützung von universitären Kreisen ist erstaunlich durchwachsen. Meine Professorenkollegen in den Naturwissenschaften, vor allem in den biologischen Wissenschaften, sind überwiegend positiv gestimmt. Mehr konservativere Disziplinen, ich denke jetzt vor allem an gewisse Kreise in der Chemie und der Mathematik, sind eher zurückhaltend. Und die Vertreter der Geisteswissenschaften und der Medizin sind fast ausschließlich ablehnend.

Wie erklären Sie sich diese Unterschiede zwischen den Disziplinen?

Es hat sich leider gezeigt, dass diese verschiedenen Kulturen – wie man sie genannt hat – sehr weit, viel zu weit auseinander gedriftet sind. Sie sehen sich auch gar nicht mehr als Teil eines einheitlichen Wissenschaftsbereiches. Vertreter der Geisteswissenschaften betonen immer wieder, dass ihre Methoden anders wären, dass sie die Vielfalt in Form kleiner Institute brauchen und dass beispielsweise ein tenure track System – wie ich es vorschlug – zu viel über einen Kamm scheren und dadurch diese Vielfalt gefährden könnte.

Das ist darin begründet, dass die Strukturen in denen diese geisteswissenschaftlichen Fächer heute weitgehend arbeiten, so stark aufgesplittet sind, dass sie oft aus kleinen Königreichen bestehen, die untereinander relativ wenig Kontakt haben. Dies ist nicht nur für die Forschung eine Katastrophe sondern vor allem für die Ausbildung junger Wissenschaftler, die als Konsequenz viel zu eng ist. Und die Studenten kommen in der Zeit ihrer Dissertation, die bis zu 8 Jahren dauern kann, oft nur mit einer einzigen Bezugsperson in Berührung. Vor 100 Jahren galt, dass die Naturwissenschaften spezialisiert und die Geisteswissenschaften breit angelegt waren. Das hat sich heute genau umgekehrt.

Werden sich die Disziplinen erwartungsgemäß voneinander emanzipieren? Welche Chancen für Veränderungen sehen Sie?

Praktisch könnte man damit beginnen, größere Strukturen zu bilden, zunächst zum Zweck der Lehre. Denn hier ist der Bedarf nach breiteren und intellektuell variierteren Angeboten unangefochten. Das Instrument, welches wir hier in der Schweiz vorschlugen, sind die Graduiertenkollegs – wie beispielsweise in Deutschland – in denen Gruppen von Doktoranden von Gruppen von Professorinnen und Professoren betreut werden. So hat jeder Promotionsstudent mindestens 2 bis 3 professorale Bezugspersonen, und interagiert gleichzeitig mit anderen Doktoranden. Das hat verschiedene Vorteile: Verringerung der Dissertationszeit, Verbreiterung der Ausbildung, eine fairere Behandlung von Studenten und ein viel größeres, interessanteres Umfeld. Gleichzeitig wird das die Universitäten zwingen, über größere Verbände nachzudenken, zum Beispiel Abteilungen für Kulturwissenschaften, in denen dann eine Förderung junger Menschen viel objektiver und breiter angelegt werden kann als an einem Institut, das aus einem Professor und einem Assistenten besteht.

Wenn ich jetzt an einen jungen, engagierten, motivierten, auch exzellenten Forscher in Europa denke – vielleicht Anfang 30, promoviert – welche elementarsten Barrieren hat er momentan zu überwinden?

Wenn diese junge Person in den Naturwissenschaften arbeitet, stößt sie in den ersten Jahren nach der Dissertation zunächst nur auf wenige Barrieren. Es gibt genügend Geld für postdoktorale Studien in der ganzen Welt. Und es besteht heute ein Mangel an PostDocs. Wenn also diese Person von einem guten Ausbildungsort kommt, hat sie sehr gute Chancen, sich ein gutes Labor auswählen zu können und dort 2-3 Jahre auf einer – zwar nicht großartig, aber doch bezahlten – Stelle zu forschen. Das Problem beginnt nachher, wenn es darum geht, eine unabhängige Stelle mit einer längerfristigen Perspektive zu finden. Und da bietet Europa unseren jungen Menschen nur sehr wenig. Es herrschen hier sehr verworrene Systeme, zum Teil feudalistische, zum Teil auch unfaire Strukturen, die den jungen Leuten oft nur Stellen mit wissenschaftlicher Abhängigkeit von einem Professor anbieten. So kommt es, dass sehr viele dieser junge Forscher nach oft sehr erfolgreichen Jahren im Ausland zurückkommen und hier verkümmern.

Was fehlt sind konkrete Arbeitsmöglichkeiten, die es Nachwuchswissenschaftlern erlauben, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen. Und hier müsste ich den meisten jungen Menschen raten, lieber in die USA zu gehen, als sich mit einer schlechten Stelle in Europa zufrieden zu geben und dann die Chance für das ganze Leben zu verpassen.

Ich spinne meine Geschichte mal weiter und stelle mir vor, dass der schon erwähnte junge Wissenschaftler sich an einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens entscheidet, den akademischen Bereich zu verlassen, um eine Tätigkeit in der Industrie anzustreben – in welcher Form auch immer. Er steht dann eines Tages vor Riesenhürden, wenn er seinen Weg wieder mehr zur Akademie ausrichten möchten. Er hat dann im Prinzip keine Chance, was ich ein Stück weit bedauere, weil das natürlich auch so eine Art Erfahrungsreflux sein könnte, in die Universität von der Industrie. Denken Sie, dass dies einfach systemimmanent ist und dass man damit leben muss?

Auf keinen Fall dürfen wir diese Inflexibilität akzeptieren. Wissenschaftler müssen hin und her wechseln können, und je durchlässiger das System ist, desto besser. Es wäre relativ leicht, die Barrieren oder Hürden zwischen Industrie und dem akademischen Bereich abzubauen, wenn man ein vernünftiges, logisch aufgebautes akademisches Nachwuchsförderungssystem hätte. Das hat man aber nicht, und deswegen ist jeder Fall ein Einzelfall, der neu durchgekämpft werden muss.

Bei tenure track dagegen ist es ohne weiteres möglich – im Gegensatz zu dem allzu starren System der deutschen Juniorprofessur – von der Industrie wieder zurückzuwechseln und eine verkürzte Evaluation für tenure zu haben. Gewöhnlich ist die Probezeit für tenure 5-7 Jahre. Ein in der Pharmaindustrie erfolgreich gewesener Forscher, der an die Uni zurück will, könnte ein Angebot bekommen, dass er oder sie und bereits nach 2 Jahren evaluiert wird.

Reicht ihnen – auch unter diesem Gesichtspunkt – das was momentan an Kooperationen und Zusammenarbeit zwischen Akademie und Industrie stattfindet? Oder anders gefragt: was könnten Industrie und Akademie zusammen noch mehr leisten um die Rahmenbedingungen zu verbessern?

Die Barrieren sind stärker auf Seiten der Universitäten als auf Seiten der Industrie. Die Universitäten sollten einfach ihre Förderungsstrukturen flexibler und transparenter machen. Dann hätten wir Dreiviertel des Problems gelöst.

Ich möchte nun gerne einen thematischen Sprung wagen. Sie haben in ihrem Vortrag in Wien sehr viel gesprochen über die „excellence“. Sie bemängeln, dass gerade für die Kollegen, die außergewöhnliches leisten, nicht genug Förderung und Unterstützung stattfindet, zum Beispiel weil Forschungsgelder zu breit gestreut und nicht vernünftig kanalisiert werden. Mit welchen Instrumenten könnten Wissenschaft, Politik und Industrie „excellence“ fördern?

Ich glaube, hier müssen sich alle Akteure unseres Wissenschaftssystems an die Nase fassen und klare Prinzipien aufstellen. Innovation funktioniert nur, wenn die hierarchischen Strukturen möglichst flach sind, und nur Können zählt und nicht Alter oder Seniorität. Die offizielle Förderung sollte bewusst auf Spitzenqualität und – ich sage das Wort ganz offen – elitär ausgerichtet sein. Bei Geldknappheit sollten beispielsweise nicht die üblichen prozentualen Kürzungen quer durch die Bank gemacht werden, sondern auch dann den Besten immer noch ausreichend Geld gegeben werden, selbst wenn dadurch das Mittelmass wenig oder gar nichts bekommt. Und das erfordert sehr großen politischen Mut.

Ich bewundere, dass Sie diese Dinge so offen aussprechen.  Sie kritisieren ja durchaus ideologisch geprägte Sozialdogmen der Universitätsausbildung Und ich könnte mir gut vorstellen, dass andere für solche Äußerungen wahrscheinlich gesteinigt werden würden.

Das wäre ein würdiger Märtyrertod. Ich glaube wir haben versäumt, der Öffentlichkeit zu erklären, wie Forschung funktioniert. Demokratie ist auch in der Wissenschaft extrem wichtig. Flache Hierarchien sind ein wichtiges Prinzip demokratischer Wissenschaft. Aber Demokratie garantiert weder gleiches Talent noch gleichen Erfolg, sondern nur gleiche Chancen. Und Demokratie ist eben nicht Gleichmacherei, sondern muss die gerechte Förderung aller Begabten ermöglichen. Im Interesse des Gesamtwohls muss die Innovation dadurch gefördert werden, dass die, welche Innovation bringen können, die nötigen Mittel dafür bekommen. Und ich glaube, das lässt sich – auch gegenüber Fundamentalisten – leicht erklären und wird auch meistens von der Politik akzeptiert.

Wie kann diese Excellence evaluiert werden?

Da gibt es leider Gottes kein perfektes System. Das was noch am wenigsten schlecht funktioniert, ist die breit abgestützte, internationale Evaluation durch ‚Peers’. Diese hat allerdings den Nachteil krasser Fehlevaluationen, wenn die Evaluierten origineller als die ‚Peers’ sind. Das kommt aber nicht oft vor. Im Großen und Ganzen funktioniert das System gut, vor allem, wenn die Forschungsförderung inklusive Evaluation nicht nur einer einzigen Organisation anvertraut wird. Es ist deshalb wichtig – und das finde ich in Deutschland ausgezeichnet, in der Schweiz schlecht – dass es unterschiedliche Förderungsinstrumente gibt. Wenn also eine Forscherin bei der DFG zu unrecht schlecht evaluiert wird, kann sie immer noch zur Volkswagenstiftung oder zur BFD gehen und dort Gelder finden. Und das ist wichtig.

Die Forschungsförderungsorganisationen eines Landes sollten miteinander konkurrieren. Wir in Europa setzen zu sehr auf Koordination und Kooperation. Ich glaube, ein Schuss mehr Konkurrenz auf allen Gebieten, auch in der Forschungsförderung, täte unserer Innovation außerordentlich gut.

Wobei ich mich noch leicht damit tun würde, dies innerhalb einer Nation für umsetzbar zu halten, ich aber ganz ehrlich und offen bezweifle, dass dies auf der europäischen Ebene funktionieren würde, wenn  ich an  Tendenzen nationalstaatlichen Protektionismus’ denke.

Das ist tatsächlich eine Gefahr. Aber wenn das Evaluationsgremium selbst international ist, kann man dem relativ gut gegensteuern. Und tatsächlich funktioniert schon jetzt eine Konkurrenz auf europäischem Niveau. Denn ein Biologe kann Gelder bei der Human Frontier Science Organization beantragen, oder bei der European Molecular Biology Organization, oder über ein EU-Framework Programm. In der Biologie gibt es also diese Konkurrenz  schon. Und es hat sich gezeigt, dass die verschiedenen Zusprachen verschiedenes Prestige haben. Eine Geldzusprache von der EMBO oder von Human Frontier zählt mehr als eine von den Framework Programmen.

Lassen sie mich hier nochmals auf die akademische Nachwuchsförderung zurückkommen. Was mich besonders gewundert und auch letztlich enttäuscht hat, war die sehr zurückhaltende Reaktion vieler jungen Forscher gegenüber neuen Konzepten der Nachwuchsförderung. Es ist durchaus verständlich, dass man Neuem etwas abwartend gegenüber steht. Aber einer der Haupteinwände ist: was passiert mit denen, die den tenure nicht schaffen? Es ist für unsere europäische Kultur schwer zu akzeptieren, dass jede positive Selektion auch eine negative Auswahl mit sich bringt. Aber die Vorstellung, dass jeder das Recht hat, an einer Uni zu bleiben, ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel.

Mit kommt bei dieser Argumentation spontan die Frage, wem nutzt es wirklich, so viele Menschen wie möglich solange wie möglich im universitären System zu halten? Und ich bin der Meinung, dass man den jungen Wissenschaftlern gegenüber doch auch einfach unehrlich ist. Man schleppt sie mit über die PostDoc-Zeit, aber die Selektion findet ja irgendwann statt. Also spätestens an dem Punkt wenn es um die begehrte Arbeitsgruppenleiter-Stelle geht. Und vielleicht müssen wir da auch einen Weg finden, frühzeitiger ehrlicher und offener zu sagen: pass auf, überleg es Dir, ob das wirklich der richtige Weg für Dich ist, oder ob Du Deine Begabungen nicht tatsächlich in einem anderen Bereich hast?

Genau das würde das tenure track system schaffen, weil es eine Evaluation gleich an den Anfang setzt und eine zweite dann nach 5 bis 6 Jahren. Und wenn einer diese beiden Hürden geschafft hat, sind die Chancen gut, dass dies jemand ist, die den richtigen Weg gewählt hat. Die Gefahr ist – wie sie richtig sagen – dass viel zu spät evaluiert wird. Dann leidet nicht nur die betroffene Person, sondern auch die Studenten zu deren Lehre diese Person angestellt worden ist.

Es ist also sehr wichtig, dass unser Mittelbau das ständestaatliche  Denken aufgibt. Und gerade in Deutschland, aber auch in Österreich, nicht so sehr in der Schweiz, ist das eines der schwierigsten Probleme der Universitäten. Denn wenn man den jungen Forschenden mehr Rechte geben will, dann gibt man diese Rechte derzeit in die Hände einer Generation, die um die 40 und zum Teil viel reaktionärer als die Professoren ist. Und das ist das Dilemma jedes Versuches, die Universitäten zu reformieren. Dieser Mittelbau ist in das Universitätssystem ohne Qualitätskontrolle reingesickert und hat oft an Forschung weder viel Interesse noch das dafür notwendige Talent.

Schließlich gehört zu einer Verbesserung der Situation auch einer der wirksamsten Mechanismen der Nachwuchsförderung: Frühpensionierungen von Professoren. In den USA ist man genau in die entgegengesetzte Richtung gegangen und lässt jeden bleiben solange er oder sie will. Dies finde ich für das System schädlich und ethisch nicht akzeptabel.

Welches Land in Europa ist aus ihrer Sicht bezüglich der Forschungs- und Nachwuchsförderung das innovativste?

In der Forschungsförderung sind die skandinavischen Länder, die Niederlande und auch die Schweiz sehr gut … mit einigem Abstand gefolgt von Deutschland. In der Nachwuchsförderung kenne ich kein europäisches Land, dem ich eine genügende Note gäbe.

Herr Dr. Schatz, ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

Prof. Dr. Gottfried Schatz studierte Chemie in Graz, und wechselte nach seiner Promotion an die Biochemie der Universität Wien. Dort widmete er sich der Erforschung der Biogenese von Mitochondrien, und gilt seitdem als der Entdecker der mitochondrialen DNS. Von 1964 bis 1966 arbeitete er als PostDoc mit Efraim Racker am Public Health Research Institute der Stadt New York über oxidative Phoyphorylierung. 1968 ging er für weitere 6 Jahre als Professor an die Biochemieabteilung der Cornell University in Ithaca (USA), um schließlich zum neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu wechseln, wo er bis vor 3 Jahren mit seiner Gruppe die Mechanismen des Proteintransportes in die Mitochondrien untersuchte. Dr. Schatz ist Mitglied der National Academy of Sciences der USA, der Royal Swedish Society, und der Niederländischen Academy of Sciences. Unter anderem ehrte man ihn mit dem Louis Jeantet Preis, dem Marcel Benoist Preis, dem Gairdner Award, der Krebs-Medaille, der Warburg-Medaille und der E.B. Wilson-Medaille. Dr. Schatz war Generalsekretär der European Molecular Biology Organization (EMBO). Momentan ist er Präsident des Wissenschaftsrates des Institut Curie, wissenschaftlicher Berater des Institut Parsteur sowie seit 2000 Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates.

Erstveröffentlicht im März 2003 durch Laborjournal.